„Dieser große herrliche Wind, der Himmel auf Himmel baut…“

[I]ch will den Herbst! Ist es nicht, als wäre er das eigentlich Schaffende, schaffender denn der Frühling, der schon gleich ist, schaffender, wenn er kommt mit seinem Willen zur Verwandlung und das viel zu fertige, viel zu befriedigte, schließlich fast bürgerlich-behagliche Bild des Sommers zerstört? Dieser große herrliche Wind, der Himmel auf Himmel baut; in sein Land möchte ich gehen und auf seinen Wegen.

Aus einem Brief an Clara Rilke vom 12. August 1904

 

Dichter und Prinzessin

Neuerscheinung: Rilke und Elya Maria Nevar. Eine Freundschaft in Briefen, Aufzeichnungen und Dokumenten, Herausgegeben von René Madeleyn

Dichter und Prinzessin

Für Rilke war Elya Maria Nevar die treue Herzensfreundin der späten Kriegsjahre in München. Er entdeckte sie als junge Darstellerin der Prinzessin Elya in einem mittelalterlichen Georgsspiel, das ihr späterer Ehemann Max Gümbel-Seiling inszenierte. Rilke besuchte alle Aufführungen dieses Spiels, ohne zunächst auf sie zuzugehen. Sie wiederum identifizierte sich mit dieser Rolle so, dass sie anstelle ihres ursprünglichen Namens «Else» den der Prinzessin als Künstlernamen behielt. Im Februar 1918 sind beide in einem Vortrag Rudolf Steiners über das «Sinnlich-Übersinnliche in seiner Verwirklichung durch die Kunst.» Elya ist begeistert und widmet ihr weiteres Leben als Schülerin Rudolf Steiners der Anthroposophie, Rilke ist skeptisch, wie er seinem Dichterkollegen Albert Steffen in einem anschließenden Gespräch gesteht. Noch kam es zu keiner persönlichen Begegnung zwischen Rilke und Elya, doch dann führt der erste Brief an Rilke zu einer Einladung, vielen Begegnungen und einer Freundschaft, die sich in den insgesamt 155 Briefen spiegelt und über sieben Jahre fortsetzt. Rilke erlebt den Höhepunkt seiner späten Lyrik einsam im Walliser Schloss von Muzot und dankt in seinem letzten Brief Elya dafür, dass sie die «Hüterin seiner Einsamkeit» in München war. Elya Nevar wirkt als eine der großen Schauspielerinnen der Goetheanumbühne über Jahrzehnte in Dornach, so in «ihren» Rollen des Luzifer in Rudolf Steiners Mysteriendramen und der Helena in Goethes Faust.
Der Briefwechsel wird hier erstmals vollständig veröffentlicht, kommentiert und mit bisher unbekannten Dokumenten herausgegeben.

Link zur Seite des Verlags…

An der sonngewohnten Straße

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still′ ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich;
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
sei′s an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

Neues vom jungen Dichter

Eine neue Ausgabe der „Briefe an einen jungen Dichter“ ergänzt Rilkes berühmte Schreiben um die Briefe des „jungen Dichters“ Franz Xaver Kappus selbst. Herausgeben und mit Kommentar und Nachwort von Erich Unglaub, Präsident der Rilke-Gesellschaft

Hier kommen Sie zur Produktseite beim Wallstein-Verlag.

Briefe an einen jungen Dichter
Mit den Briefen von Franz Xaver Kappus
Hg. und mit Kommentar und Nachwort von Erich Unglaub

Radierung des Turms von Muzot

Die Fondation Rilke bietet eine Radierung des Turms von Muzot zum Kauf an: Der mit Rilkes Mäzen Werner Reinhart befreundete Künstler Ernst Georg Rüegg (1883 – 1948) hat den Turm von Muzot im Wallis, wo Rilke seine letzten Jahre verbracht hat, mehrmals abgebildet. Inspiriert von einer Postkarte von Werner Reinhart, hat er 1918 ein Ölbild von Muzot gemalt und es Werner Reinhart geschenkt, der es also bereits kannte, als er die Anfrage für Rilkes dortigen Aufenthalt bekommen hat. Das Bild ist heute im Besitz des Musikkollegiums Winterthur.

Im Werkkatalog „Ernst Georg Rüegg, Leben und Schaffen“ ist ebenfalls eine Zeichnung aus dem Jahre mit dem Titel „Das Schlösschen von Muzot“ aufgeführt, vielleicht eine Vorlage für die Radierung von 1921. Die Druckplatte für letztere ist im Werkkatalog nicht aufgeführt, sie war im Besitz der Familie Reinhart und wurde 2018 der Fondation Rilke als Schenkung übergeben.

In Rilkes Korrespondenz finden wir nicht nur Spuren eines Besuchs des Malers und seiner Gattin vom 7. und 8. August 1921 mit Werner Reinhart auf Muzot, wo Rilke eben eingezogen ist. Werner Reinhart kündigt dem Dichter am 30.12.1921 an, ihm im Namen Rüeggs als Neujahrsgruß die Radierung zu schicken. Am 2.1.1922 dankt ihm Rilke für die Sendung mit den Worten: „Eben trifft die Sendung von Herrn Rüegg ein: die Radierung, Muzot! Eine grosse, sehr liebe Überraschung für mich! Ich schreibe ihm!“

Die Fondation Rilke hat 2019 von dieser Radierung einen auf 100 Exemplare limitierten Neudruck anfertigen lassen, der zum Verkauf angeboten wird. Im Museum der Fondation Rilke zeigen wir gegenwärtig eine temporäre Vitrine über den Künstler Ernst Georg Rüegg.

Radierung „Muzot in Sierre“ von Ernst Georg Rüeg, 1921
Die Fondation Rilke bietet eine limitierte Auflage der Radierung zum Kauf an, für Mitglieder der Rilke-Gesellschaft zu einem ermäßigten Preis. Details zum Angebot können Sie als pdf-Datei hier herunterladen

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung 
an der Wiesen aufgedecktes Grau. 
Kleine Wasser ändern die Betonung. 
Zärtlichkeiten, ungenau, 

greifen nach der Erde aus dem Raum. 
Wege gehen weit ins Land und zeigens. 
Unvermutet siehst du seines Steigens 
Ausdruck in dem leeren Baum. 

Muzot, im Februar 1924