Mit Rilke durch das Jahr

Vielleicht wäre es am besten, ich taufte diese Zeit: Erholung und lebte sie so (man soll Erholung und Arbeit nicht mischen, halb und halb, wie es immer wieder aus Zaghaftigkeit und versagender Kraft geschieht), aber dazu fehlt mir doch die Freudigkeit, fehlt mir irgend etwas, was ich vorher getan haben müßte. Ein Ausgangspunkt, ein Zeugnis, eine vor mir selbst bestandene Prüfung. Nun auch so, wie sie ist und geht, wird diese Zeit gut für mich sein, wenn nicht sammelnd, so doch!

Der Sommer war ja nie und nirgends meine Hoch-Zeit. Immer und überall galt es, ihn zu überstehen; aber der Herbst müßte dieses Jahr wieder mein sein. Wenn ich dann eine stille Stube bei großen herbstlichen Laubbäumen, nahe am Meer, allein und gesund und in Ruhe gelassen, bewohnte (und in Kopenhagens und des Sundes Nähe könnte glücklichsten Falles alles das gefunden sein), so könnte sich vieles verändern in meinem Leben, manches Heil könnte da zur Welt gebracht werden.

Aus einem Brief an Clara Rilke, 24. Juli 1904

Rainer Maria Rilke