Rilke-Treffen 2022

In Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts.

Das kommende Treffen der Rilke-Gesellschaft wird vom 23. bis 25. September im Gästehaus der Abtei Gerleve in Westfalen stattfinden. Das Tagungsthema ist „Rilke und das Judentum“. Inhaltliche Einführung

Nachdem unser Mitglied Paul Nemitz auf der Rilke-Tagung in Bremen 2018 über die von seinem Großvater Dr. Julius Moses 1906/07 veranstaltete Rundfrage zur ‚Lösung der Judenfrage‘ referierte, an der neben vielen anderen auch Rilke teilnahm, entstand die Idee, sich einmal intensiver mit Rilkes Verhältnis zum Judentum zu beschäftigen. Das wollen wir nun auf dem nächsten Rilke-Treffen zum Thema ‚Rilke und das Judentum‘ tun, das vom 23. bis 25. September 2022 im Haus Ludgerirast stattfindet, dem Gästehaus der Benediktinerabtei Gerleve in Westfalen. 

Weiß man um Rilkes Zurückhaltung, sich in gesellschaftlichen oder politischen Dingen öffentlich zu äußern, signalisiert seine Beteiligung an der Umfrage von Moses bereits sein grundsätzliches Interesse am Thema. Auch in seinen Briefen kommt er auf das „Schicksal des Juden“ (so in einem Brief an Ilse Blumenthal-Weiss vom 25.4.1922) zu sprechen, in diesem Fall, um seiner jüdischen Briefpartnerin zu versichern, dass das durch die Juden „Bewirkte uns allen schließlich unentbehrlich ist, nicht wegzudenken und nicht wegzuwollen“ (ebd.). Gleichwohl entwirft Rilke in diesem Brief (und nicht nur dort) ein ambivalentes Bild des Judentums, das „sein Gutes und sein Arges“ habe; so verweist er auf Fälle, in denen Juden durch ein erzwungenes „Unbefestigtsein“ zum „Schädling, zum Eindringling, zum Auflöser“ (ebd.) geworden seien. In den genau 100 Jahren, die seit diesem Brief vergangen sind, hat man Rilke sowohl zum Philosemiten als auch zum Antisemiten erklärt. Grund genug, sich mit Rilkes literarischen, brieflichen und diskursiven Texten zum Judentum differenziert und unter Einbeziehung des historischen Kontextes zu beschäftigen! 

Eröffnet wird das Treffen mit einem kulturgeschichtlichen Vortrag zur Lage der jüdischen Bevölkerung in den böhmischen Ländern um 1900, gehalten von Dr. Martina Niedhammer vom Collegium Carolinum in München, das sich mit der Geschichte Tschechiens und der Slowakei beschäftigt. Die Lou Andreas-Salomé- und Rilke-Spezialistin Dr. Cornelia Pechota widmet sich einer für Rilkes Leben entscheidenden Lektüre: dem 1896 publizierten Aufsatz Jesus der Jude von Andreas-Salomé, den Rilke zum Anlass nimmt, Kontakt mit der Verfasserin aufzunehmen, da er den Text als Komplementärtext  seiner Christus-Visionen versteht (in denen Jesus ebenfalls als Jude auftritt). Den für Rilkes Verständnis des Judentums besonders aufschlussreichen Briefen an Ilse Blumenthal Weiss gehen PD Dr. Anna-Dorothea Ludewig (vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam) und Prof. Dr. Torsten Hoffmann nach, indem sie den Blick auch auf die weitgehend unbekannte Blumenthal-Weiss richten, die 1929 mit einem Gedichtband als Autorin debütierte, nach der Internierung in zwei Konzentrationslagern in die USA emigrierte und sich in den 1950er Jahren intensiv mit Rilkes Stellung zum Judentum befasste. Der Text, mit dem Rilke auf die von Moses initiierte Rundfrage antwortet, wird von Dr. Hannah Lotte Lund (vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung) vorgestellt und analysiert, und zwar im Kontext der anderen Stellungnahmen, die u.a. von Maxim Gorki, Thomas Mann und Fritz Mauthner stammen. Prof. Dr. Erich Unglaub konzentriert sich in seinem Vortrag auf ein Motiv, das sich gleich in mehreren Gedichten findet, in denen Rilke sich mit dem Alten Testament, also den heiligen Büchern des Judentums beschäftigt: Jakobs Kampf mit dem Engel.

Wie immer auf den Rilke-Treffen werden die Vorträge ergänzt von Workshops, in denen kürzere Rilke-Texte gemeinsam diskutiert werden. Angeboten werden sie von Dr. Alfred Hagemann (zur Erzählung Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig), Benjamin Krutzky (zur Figur des Rabbi Löw in zwei frühen Gedichten Rilkes), Prof. Dr. Charlie Louth (zum Jesusbild in Judenfriedhof und Der Ölbaum-Garten) sowie Dr. Silke Pasewalck (zu Neuen Gedichten über biblisch-jüdische Figuren). Die Workshops werden am Samstag zweimal angeboten, sodass Sie an zwei unterschiedlichen Workshops teilnehmen können (die Anmeldung findet vor Ort statt).

Alle in den Vorträgen und Workshops verhandelten Texte, ergänzt um zahlreiche weitere Dokumente zum Judentum, finden Sie in der dieser Sendung beigelegten Broschüre, die Erich Unglaub zusammengestellt hat. 

Um neben den großen Beiträgen zum Tagungsthema auch kleinere Impulse, Anmerkungen, Bezüge oder eben auch brennend aktuelle Kommentare zu Wort kommen zu lassen, möchten wir das Format des Rilke-Foyers wieder aufgreifen: Am Samstagabend soll …. auf diesem Podium eine genreüberschreitende Präsentation stattfinden; die Rezitation und anschließende filmische Adaption einer frühen Erzählung Rilkes. Eine junge Regisseurin hat sich für ihre Abschlussarbeit an ihrer Filmhochschule einen Prosatextes Rilkes vorgenommen und ihn sehr klug in die Gegenwart und in eindrucksvolle Bilder und Episoden übertragen. Wir haben eine Ausnahme erwirkt und können diesen Film (30 Min.) vor der Erstveröffentlichung schon sehen. Mehr darf noch nicht angekündigt werden.

Organisatorisches

Schon auf der vorletzten Mitgliederversammlung ist der Wunsch geäußert worden, einmal wieder gemeinsam an einem Ort zu tagen und zu wohnen. Wir haben diese Anregung gerne aufgenommen und uns auch deshalb für die Tagungsräume neben der Abtei Gerleve entschieden. Für die Anreise mit dem Zug gibt es ICE-Verbindungen bis Münster (Westfalen) oder Dortmund und von dort aus Nahverkehrszug bis Coesfeld. Aus den Niederlanden gibt es einen Nahverkehrszug ab Enschede/NL bis Coesfeld. Vom Bahnhof Coesfeld haben wir mit der Firma Pier Hüwe einen Bustransfer vereinbart, und zwar am Freitag, 23.9., um 15.00, 16.00 und 17.00 Uhr (zudem gibt es Linienbusse ab Coesfeld).

Die genaue Adresse des Gästhauses ist: 
Haus Ludgerirast
Benediktinerabtei Gerleve
Gerleve 1
48727 Billerbeck

Die Registrierung zur Tagung ist ab 17.00 Uhr möglich, das Programm beginnt um 19 Uhr nach dem Abendessen. Wer mag, kann am Freitag und Samstag um 17.30 Uhr an der Vesper der Benediktiner in der Abteikirche teilnehmen. Nach Tagungsende startet der Bus zum Bahnhof Coesfeld um 13 Uhr, sodass Sie Züge ab 13.30 Uhr erreichen können. Falls Sie mit dem Auto anreisen, können Sie den kostenlosen Parkplatz vor dem Kloster nutzen. 

Die Kosten für Übernachtung und Vollpension betragen pro Person 190 €, der Bustransfer ist kostenlos. Dazu kommen die folgenden Tagungsgebühren:

für Mitglieder: 70 € (Doppelmitglieder 110 €)
für Nichtmitglieder: 90 € (Paare 130 €)
für Studierende/befristet Beschäftigte/Erwerbslose etc.: 20 €

Vortragende sind von der Tagungsgebühr befreit.

Die Anmeldung war bis zum 15.7. möglich und ist nun geschlossen. Die Anmeldung gilt, sobald Sie die Kosten für die Unterkunft und die Tagungsgebühr sowie den Jahresbeitrag für 2022 überwiesen haben. Die Kontoverbindungen finden Sie auf der Website. Bei allen organisatorischen Fragen wenden Sie sich bitte nicht an das Kloster, sondern an Alfred Hagemann (sekretariat@rilke.ch).

Hier noch ein paar Sehenswürdigkeiten in der näheren und weiteren Umgebung:

  • Burg Hülshoff, Schonebeck 6, 48329 Havixbeck
  • Haus Rüschhaus, Am Rüschhaus 81, 48161 Münster
  • Dom St. Ludgerus, Domgasse 1, 48727 Billerbeck (mit der Bahn erreichbar)
  • Wasserschloss Darfeld, Netter 23, 48720 Rosendahl
  • Synagoge Enschede, Prinsestraat 14-16, 7513 AL Enschede (Niederlande), (mit der Bahn erreichbar)
  • Jüdisches Museum Westfalen, Julius-Ambrunn-Straße 1, 46282 Dorsten

Die Tagung wird in Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts ausgerichtet; beiden Institutionen danken wir schon an dieser Stelle herzlich für ihre Unterstützung!

Richten Sie alle organisatorischen Rückfragen bitte nur an das Sekretariat der Rilke-Gesellschaft: sekretariat@rilke.ch