Vielleicht wäre es am besten, ich taufte diese Zeit: Erholung und lebte sie so (man soll Erholung und Arbeit nicht mischen, halb und halb, wie es immer wieder aus Zaghaftigkeit und versagender Kraft geschieht), aber dazu fehlt mir doch die Freudigkeit, fehlt mir irgend etwas, was ich vorher getan haben müßte. Ein Ausgangspunkt, ein Zeugnis, eine vor mir selbst bestandene Prüfung. Nun auch so, wie sie ist und geht, wird diese Zeit gut für mich sein, wenn nicht sammelnd, so doch!

Der Sommer war ja nie und nirgends meine Hoch-Zeit. Immer und überall galt es, ihn zu überstehen; aber der Herbst müßte dieses Jahr wieder mein sein. Wenn ich dann eine stille Stube bei großen herbstlichen Laubbäumen, nahe am Meer, allein und gesund und in Ruhe gelassen, bewohnte (und in Kopenhagens und des Sundes Nähe könnte glücklichsten Falles alles das gefunden sein), so könnte sich vieles verändern in meinem Leben, manches Heil könnte da zur Welt gebracht werden.

Aus einem Brief an Clara Rilke, 24. Juli 1904

… Und vor sich, den Sommer.

Nicht nur die Morgen alle des Sommers –, nicht nur
wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.
Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,
um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig.
Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte,
nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,
nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,
nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends…
sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,
Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.
O einst tot sein und sie wissen unendlich,
alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!

aus der Siebten Duineser Elegie

Masterclass bei der Fondation Rilke – Bewerbungen bis 25.05.

Eine Masterclass unter Leitung von Prof. Dr. Christoph König richtet die Fondation Rilke vom 13.-16.8.2018 in der ›Maison de Courten‹ in Sierre aus. Das Thema ›Wie Rilke lesen?‹ wird erweitert und lautet nun ›Celan liest Rilke‹, um die wechselseitige Abhängigkeit der beiden Autoren zu analysieren, von der Jean Bollack spricht: »Ohne Rilke kein Celan, ohne Celan aber auch kein Rilke.«

Die Masterclass Rilke richtet sich an Nachwuchswissenschaftler der Germanistik, der Romanistik, der Komparatistik und der Philosophie weltweit und versteht sich als reflektierte Einübung einer insistierenden Lektüre, die den Prozess der Kreation in den Gedichten, die Arbeit am Sinn nachvollzieht. Die Fragen lauten nun: Wie nimmt Celan in seinen Gedichten zu Rilkes Werken Stellung? Welchen neuen Blick auf Rilkes Gedichte gibt Celan? Und hält er unserer philologisch-kritischen Lektüre stand?

Der Teilnehmerbeitrag beträgt CHF 80. Die Fondation Rilke stellt die kostenlose Unterkunft, in Gästezimmern bei Privaten, zur Verfügung. Reise und Verpflegung gehen auf Kosten der Teilnehmer. Auf Antrag kann ein Zuschuss zu den Reisekosten gewährt werden.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen erhalten von der Fondation Rilke rechtzeitig einen Reader zur Masterclass Rilke zur Verfügung gestellt.

Bewerbungen (mit Begründungsschreiben, CV und gegebenenfalls
mit einer ausgewählten Publikation) sind bis zum 25.5.2018 zu richten
an: Fondation Rilke, Rue du Bourg 30, CH – 3960 Sierre.

Sämtliche Informationen finden Sie hier in dem Informationsblatt Flyer-Masterclass-Rilke-2018-pdf

 

XXI

Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
viele, o viele …. Für die Beschwerde
langen Lernens bekommt sie den Preis.

Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
an dem Barte des alten Manns.
Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!

Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.

O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
schwierigen Stämmen: sie singts, sie singts!

Aus: Die Sonette an Orpheus (1922)

Rilke-Abend „Ruines de la modernité“

Die „Association Rainer Maria Rilke“ in Paris organisiert in Zusammenarbeit mit der Internationalen Rilke-Gesellschaft eine Abendveranstaltung mit Unterstützung der Deutschen Botschaft und dem Österreichisches Kulturforum Paris, am 23. Februar 2018 um 19.30 Uhr zum Thema „Ruinen der Moderne“. Professor Jürgen Wertheimer (Professor an der Universität Tübingen, Preisträger des „Prix de la Laïcité“) wird einen Vortrag zum Thema „Ruinen von unfertigen Bauten“ halten. An diesem Abend improvisiert der Pianist und Komponist Philippe Chenevière aus folgenden Werken: Erwin Schulhoff: Suite Nr. 3 für die linke Hand (Preludio/Finale), Vladimir Pohl: Gedicht für die linke Haupthand (1938) op. 17, Franz Schmidt: (Solo) Toccata d-moll und Charles Valentin Alkan: Three Great Studies, op. 76. Irma Barry-Schmitt und Jeremias Nussbaum lesen verschiedene Texte von Rilke, die das Thema des Abends illustrieren.

Dieses Thema wurde noch nie zuvor behandelt.

Im Anschluss an diesen Abend bietet die Deutsche Botschaft in Paris einen Cocktailempfang an.

RSVP
Freier Eintritt bei Reservierung: info@rmrilke.org
Februar 23,19:30. Mairie du 5ème arrondissement, 21, Place du Panthéon, 75005 Paris, Frankreich

Ruines de la modernité

Wunsch-Zettel

„Solang der Wunsch schwach ist, ist er wie eine Hälfte und braucht das Erfülltwerden wie eine zweite Hälfte, um etwas Selbständiges zu sein. Aber Wünsche können so wunderbar zu etwas Ganzem, Vollem, Heilem auswachsen, das sich gar nicht mehr ergänzen läßt.“

Aus einem Brief an Marietta Freiin von Nordeck zur Rabenau, 14. April 1910

[Den ganzen Brief gibt es hier:
http://www.rilke.de/briefe/140410.htm]

Ausstellung „Rodin – Rilke – Hofmannsthal Der Mensch und sein Genius“ in Berlin

Ab dem 17. November in der Alten Nationalgalerie, Berlin: Die Ausstellung „Rodin – Rilke – Hofmannsthal. Der Mensch und sein Genius“ – Die Ausstellung zeigt Rodins Meisterwerke aus der Sammlung der Nationalgalerie mit zusätzlichen Leihgaben aus dem Musée Rodin in Paris und der Bremer Kunsthalle sowie Autographen, Briefen, Schriften und Fotografien aus den Nachlässen Rilkes und Hofmannsthals.

Mehr dazu gibt es hier: http://www.augusterodininberlin.de/

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Aus: Das Buch der Bilder