Hass

Allgemeine Fragen zu geistigen Interessen

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keffi
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Hass

Beitrag von keffi »

Hey Leute,
erstmal möchte ich euch mitteilen, dass mir die Atmosphäre in diesem Forum so sehr gefällt, dass ich gern Teil davon sein möchte. :) Bin Rilke-Neuling und interessiert an Austausch.

Nun zum Thema: Meint ihr, Rilke hat gehasst? Wenn ja, was? Gibt es Stellen in Briefen oder sonstwo, in denen er sich zum Phänomen Hass äußert? Und wie steht ihr persönlich dazu? Kann Hass berechtigt oder sogar gut sein?

Liebe Grüße,
euer Keffi
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lilaloufan
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Re: Hass

Beitrag von lilaloufan »

Rainer Maria Rilke hat geschrieben: stehend Stunden auf der Elektrischen mit lauter schlechtes Blut ausschlagenden Hinterhälsen vor mir, hab ich mir einen solchen Hass gegen Nacken zugezogen, dass…
Lieber Keffi,
das ist eine Art Rechtfertigung, die Rilke dem Gedicht „Hasszellen“ (1916) voranstellt.

Zu welchen sozialen und weltgeschichtlichen Katastrophen Hass führt, hat Rilke intensiv beobachtet. An Franz Xaver Kappus hatte er schon 1903 geschrieben: „und hassen Sie nichts.“
Rainer Maria Rilke im Brief vom 16. Juli 1903 hat geschrieben:Vielleicht tragen Sie ja in sich die Möglichkeit, zu bilden und zu formen, als eine besonders selige und reine Art des Lebens; erziehen Sie sich dazu, – aber nehmen Sie das, was kommt, in großem Vertrauen hin, und wenn es nur aus Ihrem Willen kommt, aus irgendeiner Not Ihres Innern, so nehmen Sie es auf sich und hassen Sie nichts.
Hass kann auch in zwischenmenschlicher Entfremdung entstehen; in den Sälen der Familiengerichte kann man aus Hass geborene Fehden zuhauf erleben; sieh mal hier, vorletzte Zeile.

Erlebter Hass hat Rilkes zartes Gemüt so berührt, dass er durch dieses Erlebnis in tiefe Schaffenskrisen stürzte. Man kann wohl sagen, zu hassen stellt das Gegenbild dar zu Rilkes idealischer Lebensauffassung.

l.
»Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.«
keffi
Beiträge: 2
Registriert: 5. Okt 2026, 16:13

Re: Hass

Beitrag von keffi »

Danke für die tollen aus verschiedensten Richtungen kommenden Impulse, lilaloufan.

Das Gedicht Hasszellen ist mir schwer zugänglich. Schon in der zweiten Zeile: "daß ihr des tiefen Giftes nicht verlört" frage ich mich, ob hier auf ein konstruktives, den Menschen vielleicht sogar ausmachendes Element des Hasses hingewiesen wird. Ich werde das Gedicht im Laufe der Zeit mit Sicherheit noch öfters lesen.

Die Kappusbriefe sind vor etwa 4 Wochen mein Einstieg in Rilkes Welt gewesen und die genannte Stelle hat mich da schon etwas irritiert. Ich hatte Rilkes Blick auf das Leben nämlich so verstanden (oder verstehen wollen?), dass es vor Allem darum geht, sich selbst natürlich entfalten zu lassen, möglichst ohne Kontrolle über aktives Zutun, so ziemlich im Einklang mit dem, was ich unter Taoismus verstehe. Diesem Eindruck steht dieses (mir schon fast streng anmutende) sich Erziehen aber entgegen.

Zu "hassen Sie nichts" würde ich ihn gern fragen, ob es überhaupt eine Frage der Entscheidung ist, nicht zu hassen.. Es kommt mir manchmal vor, als läge es gar nicht in meiner Hand. Zugegebenermaßen jedoch: je mehr ich über die Grenzen der Bedeutung dieses Wortes nachdenke, desto weniger wird mir klar, was ich darunter genau verstehe.

Ich habe gerade ein kleines Rilke Büchlein für unterwegs am Wickel, das nennt sich "Lektüre für Minuten" und besteht aus ausgewählten kurzen Passagen aus seinen Büchern, Briefen, Gedichten...

Dort fand ich gestern folgendes zum Thema passendes:
"Hast du noch nie bemerkt, wie verachtete, geringe Dinge sich erholen, wenn sie in die breiten, zärtlichen Hände eines Einsamen geraten? Wie kleine Vögel sind sie, denen die Wärme wiederkehrt. Sie rühren sich, wachen auf und ein Herz beginnt in ihnen zu schlagen, das wie die äußerste Welle eines mächtigen Meeres in den horchenden Händen steigt und fällt." (aus "Briefe und Tagebücher aus der Frühzeit 1899 bis 1902").

Das finde ich wunderschön und darin steckt auch schon viel Antwort. Aber wie? Noch einsamer werden? Aber wie? ...

Liebe Grüße
:)
helle
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Registriert: 6. Mai 2005, 11:08
Wohnort: Norddeutsche Tiefebene

Re: Hass

Beitrag von helle »

Bei diesem Thema ist es sicher sinnvoll, zwei Hinsichten zu unterscheiden. Zum einen, ob es ein dichterisches Thema Rilkes ist, wie in den angeführten Gedichten oder ob man an Rilke als selbst haßerfüllten Menschen und Person denkt. Und hier wiederum, ob man vom Haß auf bestimmte Personen spricht oder etwa auf Sachverhalte, Phänomene, Situationen usf. Sich zum Thema Haß zu äußern, heißt ja nicht zwangsläufig, selbst zu hassen.

Ich kann in beiden Hinsichten keine kompetente Antwort geben, nur dachte ich bei der Frage spontan an Rilkes persönliche Situation, als er im Januar 1916 einberufen wird und zunächst eine dreiwöchige, ihn komplett demoralisierende Ausbildung und ›Drillzeit‹ abzuleisten hat. In dieser Situation könnte ich mir Rilke als jemanden vorstellen, der auch haßt (weit entfernt davon, sich dazu zu ›entschließen‹): Krieg, menschliche Dummheit und Destruktivität, die Art der Ausbildung, die militärische Umgebung bis hin zur schlecht sitzenden Uniform usw. Auch deshalb, weil sie an ein altes Trauma rührt, die Leidenszeit auf der Militärschule und Militär-Oberrealschule als Kind und Jugendlicher. In manchen Rilke-Biographien ist davon ausführlich die Rede.

Zum Gedicht Haßzellen, das nicht zufällig auf April 1916 datiert wird, gab es hier bereits einen Austausch:
https://www.rilke.ch/forum/viewtopic.ph ... %A4r#p2363

Dann gibt es ein hübsches Wort im Malte, das für mich die interessanteste Seite des Themas berührt: »Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre.« Dieser Aspekt ist wohl auch der, der Rilke – er würde vielleicht sagen: am Eigentümlichsten ist.
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