Mein geplanter anagrammatischer Karussellzyklus

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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Titus
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Mein geplanter anagrammatischer Karussellzyklus

Beitrag von Titus »

Hallo,

Seit einiger Zeit arbeite ich an einem Gedichtzyklus, der auf Rainer Maria Rilkes Das Karussell basiert. Jede Zeile meiner Gedichte ist ein exaktes Anagramm der jeweils entsprechenden Zeile des Originals – genau dieselben Buchstaben in genau derselben Anzahl, jedoch vollständig neu angeordnet. Also zum Beispiel ist Karussell 1 nur aus den Buchstaben der 1. Zeile des Originals gefertigt, Karussell 2 nur aus den Buchstaben der 2. Zeile, usw. So sollen am Ende 25 Karusselle entstehen (27 - 2 Refrainwiederholungen).

Zugleich übernehme ich die gesamte äußere Form des Gedichts: Strophenbau, Verszahl, Metrum und Reimschema. Jede Zeile muss daher nicht nur anagrammatisch korrekt sein, sondern auch rhythmisch funktionieren, sich in die Syntax der Strophe einfügen und im Idealfall als eigenständige Lyrik bestehen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die formalen Zwänge nicht bloß zu erfüllen, sondern aus ihnen poetische Möglichkeiten zu gewinnen.

Ziel ist nicht, Rilkes Gedicht nachzuerzählen oder zu variieren, sondern aus demselben sprachlichen Material eine völlig neue poetische Welt entstehen zu lassen. Inzwischen umfasst der Zyklus mehrere Gedichte; Karussell 8 möchte ich hier nun gern vorstellen. Jede Zeile ist also ein Anagramm der 8. Zeile des Originals.



Karussell 8

An Winde rufend, sausen dann in Welten
wir tausend Wesen, fanden nun ein Land
der Fantasie, wenn Leiden nun uns wand.
Denn da, in Fauna, wenden wir uns selten.
Was eint uns? Wunden liefen an den Rand.
Wir sind nun duenne Enten, Waldfasane,
sind denn nun feinste Wale und Warane.
Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und wilde Fuesse ein Waran dann nennt
sein Weltenend. Und Sinn fand Auen; war
ein Wesen, das in Faun und Wandel rennt.

Denn Leu warf Stunden an das Innen, wie
in den Antennen Wuerfelwind aus Sand.
Wenn Duenenland nur Windes Fantasie.

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Auf Sinnen endend weinen Wal und Star.
Es wandern Faun und Wisent, landen nie.
Und Adler sanft, wenn da nun weinen sie.
Nun sandfein weisen Wunden den Altar.

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Was, wenn sein Lauf da innen endet rund?
Dann duesen ins Nirwana Welt und Feen.
In tausend Fernen wandeln Waisen und
in tausend Fluren dann. Was, wenn Ideen
es sind? Nur Wannenwaende, alt? Ein Fund?
Nur Leinwand dann? Was, eine Feenstund?
Dann fanden wir uns Wein und alte Seen.
helle
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Registriert: 6. Mai 2005, 11:08
Wohnort: Norddeutsche Tiefebene

Re: Mein geplanter anagrammatischer Karussellzyklus

Beitrag von helle »

Das ist schon ein sehr virtuoser und ungewöhnlicher Zugang zum Karussell und Dein groß angelegter Versuch ist sicher eins der originellsten Zeugnisse der Rilke-Rezeption. Man kann gespannt sein, was aus den Bearbeitungen der anderen Verszeilen entsteht.

Bei so viel Mühe und Liebe zum Detail fällt es mir dennoch nicht leicht, ganz die Beweggründe zu begreifen, vielleicht davon abgesehen, daß dies auch ein Spiel ist und ein so sublimes Spiel neben der enormen sprachlichen Herausforderung auch großes Vergnügen bereiten muß. Ich würde mir mit einem Text von Brecht aushelfen, um meine etwas gespaltene Haltung auszudrücken:
Herr K. betrachtete ein Gemälde, das einigen Gegenständen eine sehr eigenwillige Form verlieh. Er sagte: »Einigen Künstlern geht es, wenn sie die Welt betrachten, wie vielen Philosophen. Bei der Bemühung um die Form geht der Stoff verloren. Ich arbeitete einmal bei einem Gärtner. Er händigte mir eine Gartenschere aus und hieß mich einen Lorbeerbaum beschneiden. Der Baum stand in einem Topf und wurde zu Festlichkeiten ausgeliehen. Dazu mußte er die Form einer Kugel haben. Ich begann sogleich mit dem Abschneiden der wilden Triebe, aber wie sehr ich mich auch mühte, die Kugelform zu erreichen, es wollte mir lange nicht gelingen. Einmal hatte ich auf der einen, einmal auf der anderen Seite zuviel weggestutzt. Als es endlich eine Kugel geworden war, war die Kugel sehr klein. Der Gärtner sagte enttäuscht: ›Gut, das ist die Kugel, aber wo ist der Lorbeer?‹ «
Titus
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Registriert: 13. Jul 2026, 17:25

Re: Mein geplanter anagrammatischer Karussellzyklus

Beitrag von Titus »

Vielen Dank für die ausführliche und wohlwollende Rückmeldung. Der Brecht-Text trifft natürlich einen wichtigen Punkt – nämlich die Gefahr, dass Form den Stoff verdrängt. Genau deshalb war mir von Anfang an wichtig, dass die Gedichte nicht bloß als kombinatorische Kunststücke funktionieren. Für mich besteht die eigentliche Herausforderung darin, dass aus denselben Buchstaben wieder eigenständige Gedichte entstehen.

Zugleich empfinde ich gerade beim Karussell das Anagrammverfahren nicht als äußerlich. Das Karussell selbst lebt von Wiederkehr, Kreisbewegung und Verwandlung. Auch die Buchstaben drehen sich immer wieder im Kreis, verbinden sich neu und lassen andere Bilder entstehen. In diesem Sinn verstehe ich die Anagramme weniger als Beschneidung des Originals als vielmehr als Fortsetzung seiner Bewegung auf sprachlicher Ebene.
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