{"id":1630,"date":"2022-08-19T07:39:21","date_gmt":"2022-08-19T06:39:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rilke.ch\/?p=1630"},"modified":"2022-08-19T07:39:21","modified_gmt":"2022-08-19T06:39:21","slug":"kombiniere-jeder-engel-ist-schrecklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rilke.ch\/?p=1630","title":{"rendered":"Kombiniere: Jeder Engel ist schrecklich"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Beitrag vom J\u00f6rg Neugebauer, Mitglied der Rilke-Gesellschaft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich versorgte Rilke mit Literatur, er hatte wenig zu lesen. Die ausgehauchten B\u00e4nde in der Schlossbibliothek zu Duino kannte er alle l\u00e4ngst auswendig, und von Lou kamen nur selten noch Briefe.<\/p>\n\n\n\n<p>So brachte ich ihm &#8222;Nick Knatterton&#8220; und andere Comics, dazu die karierte Knatterton-M\u00fctze, die ich in Triest in einer Hafenkneipe vom Haken entwendet hatte. Die trug er nun h\u00e4ufig, auch begann er S\u00e4tze jetzt manchmal mit &#8222;Kombiniere&#8220;, so etwa &#8222;Kombiniere: Jeder Engel ist schrecklich&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In Duino war er ziemlich auf sich gestellt, allein mit einer Haush\u00e4lterin, die am Sp\u00e4tnachmittag das Schloss verlie\u00df. Ich war also fast sein einziger Besucher, brachte ihm, wie gesagt, B\u00fccher oder besser gesagt Hefte, manchmal auch eins dieser Sexmagazine, Kreuzwortr\u00e4tsel lehnte er ab. Ansonsten schwiegen wir und sahen aufs Meer. Die Fenster des Schlosses gehen ja fast alle auf die weite Bucht hinaus, was sollten wir angesichts dessen gro\u00df reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Rilke rauchte dann seine Knatterton-Pfeife und hatte die F\u00fc\u00dfe in Fu\u00dfw\u00e4rmern stecken, die Zimmer dort sind nicht gut beheizt. Jeden Sonntagnachmittag erschien ein italienischer Fremdenf\u00fchrer, der, von einer nur undeutlich sichtbaren Besuchergruppe umringt, erkl\u00e4rte, der tschechoslowakische Poet Rilke habe hier eine Zeitlang gelebt und ein ber\u00fchmtes Gedicht geschrieben. Er habe es selbst mal zu lesen versucht, sei aber mit dem \u00f6sterreichischen Humor nicht klargekommen. Im Grunde sei Rilke Schweizer gewesen, sp\u00e4testens bei seinem Tod. Und er rezitierte den Anfang der ersten Elegie auf Italienisch:<\/p>\n\n\n\n<p>Chi se io gridassi mi udirebbe mai<br>dalle schiere degli angeli<br>ed anche se uno di loro al cuoro mi prendesse,<br>io verrei meno per la sua pi\u00f9 forte presenza.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind hier so meine S\u00e9ancen, meinte Rilke l\u00e4chelnd und zog an seiner Pfeife. Um sich f\u00fcr meine Knatterton-Lieferungen zu revanchieren, las er mir gelegentlich Artikel aus der &#8222;Gazzetta dello Sport&#8220; vor, Spielberichte von Partien der Seria A. Das kam meinem k\u00e4rglichen Italienisch zugute, praktischerweise fasste er den Inhalt am Schluss jeweils noch kurz auf Deutsch zusammen. Rilke war eingefleischter Milan-Fan, ich hielt es mehr mit Juventus. Die Gazzetta habe er 1912 schon abonniert gehabt, seither werde sie t\u00e4glich ins Schloss geliefert. Meist fingen jedoch die G\u00e4rtner sie ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf mich wirkte der Garten recht leblos, Rilke begleitete mich nur widerstrebend, wenn ich doch mal hinunterwollte. War fr\u00fcher hier mehr Betrieb? konnte ich mich nicht enthalten zu fragen. Rilke zuckte die Achseln. Bin nicht mehr oft unten gewesen, mit der F\u00fcrstin von Thurn und Taxis ein paarmal, das waren angeregte Gespr\u00e4che. Kommt sie denn gar nicht mehr her? fragte ich. Rilke wusste es nicht. Es gebe Ger\u00fcchte, sie habe das Schloss verkauft und er sei versehentlich mit verkauft worden. &#8222;Kombiniere: Wahrscheinlich bin ich deswegen immer noch hier.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00f6rg Neugebauer<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anmerkung: Nick Knatterton war in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts eine im deutschen Sprachraum popul\u00e4re Comicfigur.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag vom J\u00f6rg Neugebauer, Mitglied der Rilke-Gesellschaft. Ich versorgte Rilke mit Literatur, er hatte wenig zu lesen. Die ausgehauchten B\u00e4nde in der Schlossbibliothek zu Duino kannte er alle l\u00e4ngst auswendig, und von Lou kamen nur selten noch Briefe. 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