{"id":924,"date":"2017-02-16T21:12:04","date_gmt":"2017-02-16T20:12:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rilke.ch\/?page_id=924"},"modified":"2017-02-16T21:12:04","modified_gmt":"2017-02-16T20:12:04","slug":"das-stunden-buch-das-buch-vom-moenchischen-leben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.rilke.ch\/?page_id=924","title":{"rendered":"Das Stunden-Buch &#8211; Das Buch vom M\u00f6nchischen Leben"},"content":{"rendered":"<h1>Das Stunden-Buch<\/h1>\n<h2>Das Buch vom M\u00f6nchischen Leben<\/h2>\n<p>Da neigt sich die Stunde und r\u00fchrt mich an<br \/>\nmit klarem, metallenem Schlag:<br \/>\nmir zittern die Sinne. Ich f\u00fchle: ich kann &#8211;<br \/>\nund ich fasse den plastischen Tag.<\/p>\n<p>Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,<br \/>\nein jedes Werden stand still.<br \/>\nMeine Blicke sind reif, und wie eine Braut<br \/>\nkommt jedem das Ding, das er will.<\/p>\n<p>Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem<br \/>\nund mal es auf Goldgrund und gro\u00df,<br \/>\nund halte es hoch, und ich wei\u00df nicht wem<br \/>\nl\u00f6st es die Seele los&#8230;<br \/>\nIch lebe mein Leben in wachsenden Ringen,<br \/>\ndie sich \u00fcber die Dinge ziehn.<br \/>\nIch werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,<br \/>\naber versuchen will ich ihn.<\/p>\n<p>Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,<br \/>\nund ich kreise jahrtausendelang;<br \/>\nund ich wei\u00df noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm<br \/>\noder ein gro\u00dfer Gesang.<\/p>\n<p>Ich habe viele Br\u00fcder in Sutanen<br \/>\nim S\u00fcden, wo in Kl\u00f6stern Lorbeer steht.<br \/>\nIch wei\u00df, wie menschlich sie Madonnen planen,<br \/>\nund tr\u00e4ume oft von jungen Tizianen,<br \/>\ndurch die der Gott in Gluten geht.<\/p>\n<p>Doch wie ich mich auch in mich selber neige:<br \/>\nMein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe<br \/>\nvon hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.<br \/>\nNur, da\u00df ich mich aus seiner W\u00e4rme hebe,<br \/>\nmehr wei\u00df ich nicht, weil alle meine Zweige<br \/>\ntief unten ruhn und nur im Winde winken.<br \/>\nWir d\u00fcrfen dich nicht eigenm\u00e4chtig malen,<br \/>\ndu D\u00e4mmernde, aus der der Morgen stieg.<br \/>\nWir holen aus den alten Farbenschalen<br \/>\ndie gleichen Striche und die gleichen Strahlen,<br \/>\nmit denen dich der Heilige verschwieg.<\/p>\n<p>Wir bauen Bilder vor dir auf wie W\u00e4nde;<br \/>\nso da\u00df schon tausend Mauern um dich stehn.<br \/>\nDenn dich verh\u00fcllen unsre frommen H\u00e4nde,<br \/>\nsooft dich unsre Herzen offen sehn.<br \/>\nIch liebe meines Wesens Dunkelstunden,<br \/>\nin welchen meine Sinne sich vertiefen;<br \/>\nin ihnen hab ich, wie in alten Briefen,<br \/>\nmein t\u00e4glich Leben schon gelebt gefunden<br \/>\nund wie Legende weit und \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Aus ihnen kommt mir Wissen, da\u00df ich Raum<br \/>\nzu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.<br \/>\nUnd manchmal bin ich wie der Baum,<\/p>\n<p>der, reif und rauschend, \u00fcber einem Grabe<br \/>\nden Traum erf\u00fcllt, den der vergangne Knabe<br \/>\n(um den sich seine warmen Wurzeln dr\u00e4ngen)<br \/>\nverlor in Traurigkeiten und Ges\u00e4ngen.<br \/>\nDu, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal<br \/>\nin langer Nacht mit hartem Klopfen st\u00f6re, &#8211;<br \/>\nso ists, weil ich dich selten atmen h\u00f6re<br \/>\nund wei\u00df: Du bist allein im Saal.<br \/>\nUnd wenn du etwas brauchst, ist keiner da,<br \/>\num deinem Tasten einen Trank zu reichen:<br \/>\nIch horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.<br \/>\nIch bin ganz nah.<\/p>\n<p>Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,<br \/>\ndurch Zufall; denn es k\u00f6nnte sein:<br \/>\nein Rufen deines oder meines Munds &#8211;<br \/>\nund sie bricht ein<br \/>\nganz ohne L\u00e4rm und Laut.<br \/>\nAus deinen Bildern ist sie aufgebaut.<\/p>\n<p>Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.<br \/>\nUnd wenn einmal das Licht in mir entbrennt,<br \/>\nmit welchem meine Tiefe dich erkennt,<br \/>\nvergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.<\/p>\n<p>Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,<br \/>\nsind ohne Heimat und von dir getrennt.<br \/>\nWenn es nur einmal so ganz stille w\u00e4re.<br \/>\nWenn das Zuf\u00e4llige und Ungef\u00e4hre<br \/>\nverstummte und das nachbarliche Lachen,<br \/>\nwenn das Ger\u00e4usch, das meine Sinne machen,<br \/>\nmich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:<\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnte ich in einem tausendfachen<br \/>\nGedanken bis an deinen Rand dich denken<\/p>\n<p>und dich besitzen (nur ein L\u00e4cheln lang),<br \/>\num dich an alles Leben zu verschenken<br \/>\nwie einen Dank.<br \/>\nIch lebe grad, da das Jahrhundert geht.<br \/>\nMan f\u00fchlt den Wind von einem gro\u00dfen Blatt,<br \/>\ndas Gott und du und ich beschrieben hat<br \/>\nund das sich hoch in fremden H\u00e4nden dreht.<\/p>\n<p>Man f\u00fchlt den Glanz von einer neuen Seite,<br \/>\nauf der noch Alles werden kann.<\/p>\n<p>Die stillen Kr\u00e4fte pr\u00fcfen ihre Breite<br \/>\nund sehn einander dunkel an.<br \/>\nIch lese es heraus aus deinem Wort,<br \/>\naus der Geschichte der Geb\u00e4rden,<br \/>\nmit welchen deine H\u00e4nde um das Werden<\/p>\n<p>sich r\u00fcndeten, begrenzend, warm und weise.<br \/>\nDu sagtest leben laut und sterben leise<br \/>\nund wiederholtest immer wieder: Sein.<br \/>\nDoch vor dem ersten Tode kam der Mord.<br \/>\nDa ging ein Ri\u00df durch deine reifen Kreise<br \/>\nund ging ein Schrein<br \/>\nund ri\u00df die Stimmen fort,<br \/>\ndie eben erst sich sammelten<br \/>\num dich zu sagen,<br \/>\num dich zu tragen<br \/>\nalles Abgrunds Br\u00fccke &#8211;<\/p>\n<p>Und was sie seither stammelten,<br \/>\nsind St\u00fccke<br \/>\ndeines alten Namens.<br \/>\nDer blasse Abelknabe spricht:<\/p>\n<p>Ich bin nicht. Der Bruder hat mir was getan,<\/p>\n<p>was meine Augen nicht sahn.<br \/>\nEr hat mir das Licht verh\u00e4ngt.<br \/>\nEr hat mein Gesicht verdr\u00e4ngt<br \/>\nmit seinem Gesicht.<br \/>\nEr ist jetzt allein.<br \/>\nIch denke, er mu\u00df noch sein.<br \/>\nDenn ihm tut niemand, wie er mir getan.<br \/>\nEs gingen alle meine Bahn,<br \/>\nkommen alle vor seinen Zorn,<br \/>\ngehen alle an ihm verloren.<\/p>\n<p>Ich glaube, mein gro\u00dfer Bruder wacht<br \/>\nwie ein Gericht.<br \/>\nAn mich hat die Nacht gedacht;<br \/>\nan ihn nicht.<br \/>\nDu Dunkelheit, aus der ich stamme,<br \/>\nich liebe dich mehr als die Flamme,<br \/>\nwelche die Welt begrenzt,<\/p>\n<p>indem sie gl\u00e4nzt<br \/>\nf\u00fcr irgend einen Kreis,<br \/>\naus dem heraus kein Wesen von ihr wei\u00df.<\/p>\n<p>Aber die Dunkelheit h\u00e4lt alles an sich:<br \/>\nGestalten und Flammen, Tiere und mich,<br \/>\nwie sie&#8217;s errafft,<br \/>\nMenschen und M\u00e4chte &#8211;<\/p>\n<p>Und es kann sein: eine gro\u00dfe Kraft<br \/>\nr\u00fchrt sich in meiner Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Ich glaube an N\u00e4chte.<br \/>\nIch glaube an Alles noch nie Gesagte.<br \/>\nIch will meine fr\u00f6mmsten Gef\u00fchle befrein.<br \/>\nWas noch keiner zu wollen wagte,<br \/>\nwird mir einmal unwillk\u00fcrlich sein.<br \/>\nIst das vermessen, mein Gott, vergieb.<br \/>\nAber ich will dir damit nur sagen:<br \/>\nMeine beste Kraft soll sein wie ein Trieb,<br \/>\nso ohne Z\u00fcrnen und ohne Zagen;<br \/>\nso haben dich ja die Kinder lieb.<\/p>\n<p>Mit diesem Hinfluten, mit diesem M\u00fcnden<br \/>\nin breiten Armen ins offene Meer,<br \/>\nmit dieser wachsenden Wiederkehr<br \/>\nwill ich dich bekennen, will ich dich verk\u00fcnden<br \/>\nwie keiner vorher.<\/p>\n<p>Und ist das Hoffahrt, so la\u00df mich hoff\u00e4hrtig sein<br \/>\nf\u00fcr mein Gebet,<br \/>\ndas so ernst und allein<br \/>\nvor deiner wolkigen Stirne steht.<br \/>\nIch bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug<br \/>\num jede Stunde zu weihn.<br \/>\nIch bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug<br \/>\num vor dir zu sein wie ein Ding,<\/p>\n<p>dunkel und klug.<br \/>\nIch will meinen Willen und will meinen Willen begleiten<br \/>\ndie Wege zur Tat;<br \/>\nund will in stillen, irgendwie z\u00f6gernden Zeiten,<br \/>\nwenn etwas naht,<br \/>\nunter den Wissenden sein<br \/>\noder allein.<\/p>\n<p>Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,<br \/>\nund will niemals blind sein oder zu alt<br \/>\num dein schweres schwankendes Bild zu halten.<br \/>\nIch will mich entfalten.<br \/>\nNirgends will ich gebogen bleiben,<br \/>\ndenn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.<br \/>\nUnd ich will meinen Sinn<br \/>\nwahr vor dir. Ich will mich beschreiben<br \/>\nwie ein Bild das ich sah,<br \/>\nlange und nah,<br \/>\nwie ein Wort, das ich begriff,<br \/>\nwie meinen t\u00e4glichen Krug,<\/p>\n<p>wie meiner Mutter Gesicht,<br \/>\nwie ein Schiff,<br \/>\ndas mich trug<br \/>\ndurch den t\u00f6dlichsten Sturm.<br \/>\nDu siehst, ich will viel.<br \/>\nVielleicht will ich Alles:<br \/>\ndas Dunkel jedes unendlichen Falles<br \/>\nund jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.<\/p>\n<p>Es leben so viele und wollen nichts,<br \/>\nund sind durch ihres leichten Gerichts<br \/>\nglatte Gef\u00fchle gef\u00fcrstet.<\/p>\n<p>Aber du freust dich jedes Gesichts,<br \/>\ndas dient und d\u00fcrstet.<\/p>\n<p>Du freust dich Aller, die dich gebrauchen<br \/>\nwie ein Ger\u00e4t.<br \/>\nNoch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu sp\u00e4t,<br \/>\nin deine werdenden Tiefen zu tauchen,<br \/>\nwo sich das Leben ruhig verr\u00e4t.<br \/>\nWir bauen an dir mit zitternden H\u00e4nden<br \/>\nund wir t\u00fcrmen Atom auf Atom.<br \/>\nAber wer kann dich vollenden,<br \/>\ndu Dom.<\/p>\n<p>Was ist Rom?<br \/>\nEs zerf\u00e4llt.<br \/>\nWas ist die Welt?<br \/>\nSie wird zerschlagen<br \/>\neh deine T\u00fcrme Kuppeln tragen,<br \/>\neh aus Meilen von Mosaik<br \/>\ndeine strahlende Stirne stieg.<\/p>\n<p>Aber manchmal im Traum<\/p>\n<p>kann ich deinen Raum<br \/>\n\u00fcberschaun,<br \/>\ntief vom Beginne<br \/>\nbis zu des Daches goldenem Grate.<\/p>\n<p>Und ich seh: meine Sinne<br \/>\nbilden und baun<br \/>\ndie letzten Zierate.<br \/>\nDaraus, da\u00df Einer dich einmal gewollt hat,<br \/>\nwei\u00df ich, da\u00df wir dich wollen d\u00fcrfen.<br \/>\nWenn wir auch alle Tiefen verw\u00fcrfen:<br \/>\nwenn ein Gebirge Gold hat<br \/>\nund keiner mehr es ergraben mag,<br \/>\ntr\u00e4gt es einmal der Flu\u00df zutag,<br \/>\nder in die Stille der Steine greift,<br \/>\nder vollen.<\/p>\n<p>Auch wenn wir nicht wollen:<\/p>\n<p>Gott reift.<br \/>\nWer seines Lebens viele Widersinne<br \/>\nvers\u00f6hnt und dankbar in ein Sinnbild fa\u00dft,<br \/>\nder dr\u00e4ngt<br \/>\ndie L\u00e4rmenden aus dem Palast,<br \/>\nwird anders festlich, und du bist der Gast,<br \/>\nden er an sanften Abenden empf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,<br \/>\ndie ruhige Mitte seinen Monologen;<br \/>\nund jeder Kreis, um dich gezogen,<br \/>\nspannt ihm den Zirkel aus der Zeit.<br \/>\nWas irren meine H\u00e4nde in den Pinseln?<br \/>\nWenn ich dich male, Gott, du merkst es kaum.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle dich. An meiner Sinne Saum<\/p>\n<p>beginnst du z\u00f6gernd, wie mit vielen Inseln,<br \/>\nund deinen Augen, welche niemals blinseln,<br \/>\nbin ich der Raum.<\/p>\n<p>Du bist nicht mehr inmitten deines Glanzes,<br \/>\nwo alle Linien des Engeltanzes<br \/>\ndie Fernen dir verbrauchen wie Musik, &#8211;<br \/>\ndu wohnst in deinem allerletzten Haus.<br \/>\nDein ganzer Himmel horcht in mich hinaus,<br \/>\nweil ich mich sinnend dir verschwieg.<\/p>\n<p>Ich bin, du \u00c4ngstlicher. H\u00f6rst du mich nicht<br \/>\nmit allen meinen Sinnen an dir branden?<br \/>\nMeine Gef\u00fchle, welche Fl\u00fcgel fanden,<br \/>\numkreisen wei\u00df dein Angesicht.<br \/>\nSiehst du nicht meine Seele, wie sie dicht<br \/>\nvor dir in einem Kleid aus Stille steht?<br \/>\nReift nicht mein mailiches Gebet<br \/>\nan deinem Blicke wie an einem Baum?<br \/>\nWenn du der Tr\u00e4umer bist, bin ich dein Traum.<br \/>\nDoch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille<br \/>\nund werde m\u00e4chtig aller Herrlichkeit<br \/>\nund r\u00fcnde mich wie eine Sternenstille<br \/>\n\u00fcber der wunderlichen Stadt der Zeit.<br \/>\nMein Leben ist nicht diese steile Stunde,<br \/>\ndarin du mich so eilen siehst.<br \/>\nIch bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,<br \/>\nich bin nur einer meiner vielen Munde<br \/>\nund jener, welcher sich am fr\u00fchsten schlie\u00dft.<\/p>\n<p>Ich bin die Ruhe zwischen zweien T\u00f6nen,<br \/>\ndie sich nur schlecht aneinander gew\u00f6hnen:<br \/>\ndenn der Ton Tod will sich erh\u00f6hn &#8211;<\/p>\n<p>Aber im dunklen Intervall vers\u00f6hnen<br \/>\nsich beide zitternd.<\/p>\n<p>Und das Lied bleibt sch\u00f6n.<br \/>\nWenn ich gewachsen w\u00e4re irgendwo,<br \/>\nwo leichtere Tage sind und schlanke Stunden,<br \/>\nich h\u00e4tte dir ein gro\u00dfes Fest erfunden,<br \/>\nund meine H\u00e4nde hielten dich nicht so,<br \/>\nwie sie dich manchmal halten, bang und hart.<\/p>\n<p>Dort h\u00e4tte ich gewagt, dich zu vergeuden,<br \/>\ndu grenzenlose Gegenwart.<br \/>\nWie einen Ball<br \/>\nh\u00e4tt ich dich in alle wogenden Freuden<br \/>\nhineingeschleudert, da\u00df einer dich finge<br \/>\nund deinem Fall<br \/>\nmit hohen H\u00e4nden entgegenspringe,<br \/>\ndu Ding der Dinge.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte dich wie eine Klinge<br \/>\nblitzen lassen.<br \/>\nVom goldensten Ringe<br \/>\nlie\u00df ich dein Feuer umfassen,<\/p>\n<p>und er m\u00fc\u00dfte mirs halten<br \/>\n\u00fcber die wei\u00dfeste Hand.<\/p>\n<p>Gemalt h\u00e4tt ich dich: nicht an die Wand,<br \/>\nan den Himmel selber von Rand zu Rand,<br \/>\nund h\u00e4tt dich gebildet, wie ein Gigant<br \/>\ndich bilden w\u00fcrde: als Berg, als Brand,<br \/>\nals Samum, wachsend aus W\u00fcstensand &#8211;<\/p>\n<p>oder<br \/>\nes kann auch sein: ich fand<br \/>\ndich einmal&#8230;<\/p>\n<p>Meine Freunde sind weit,<br \/>\nich h\u00f6re kaum noch ihr Lachen schallen;<br \/>\nund du: du bist aus dem Nest gefallen,<br \/>\nbist ein junger Vogel mit gelben Krallen<br \/>\nund gro\u00dfen Augen und tust mir leid.<br \/>\n(Meine Hand ist dir viel zu breit.)<br \/>\nUnd ich heb mit dem Finger vom Quell einen Tropfen<br \/>\nund lausche, ob du ihn lechzend langst,<\/p>\n<p>und ich f\u00fchle dein Herz und meines klopfen<br \/>\nund beide aus Angst.<br \/>\nIch finde dich in allen diesen Dingen,<br \/>\ndenen ich gut und wie ein Bruder bin;<br \/>\nals Samen sonnst du dich in den geringen<br \/>\nund in den gro\u00dfen giebst du gro\u00df dich hin.<\/p>\n<p>Das ist das wundersame Spiel der Kr\u00e4fte,<br \/>\nda\u00df sie so dienend durch die Dinge gehn:<br \/>\nin Wurzeln wachsend, schwindend in die Sch\u00e4fte<br \/>\nund in den Wipfeln wie ein Auferstehn.<br \/>\nStimme eines jungen Bruders<\/p>\n<p>Ich verrinne, ich verrinne<br \/>\nwie Sand, der durch Finger rinnt.<br \/>\nIch habe auf einmal so viele Sinne,<\/p>\n<p>die alle anders durstig sind.<br \/>\nIch f\u00fchle mich an hundert Stellen<br \/>\nschwellen und schmerzen.<br \/>\nAber am meisten mitten im Herzen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte sterben. La\u00df mich allein.<br \/>\nIch glaube, es wird mir gelingen,<br \/>\nso bange zu sein,<br \/>\nda\u00df mir die Pulse zerspringen.<br \/>\nSieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen,<br \/>\nder gestern noch ein Knabe war; von Frauen<br \/>\nsind seine H\u00e4nde noch zusammgef\u00fcgt<br \/>\nzu einem Falten, welches halb schon l\u00fcgt.<br \/>\nDenn seine Rechte will schon von der Linken,<br \/>\num sich zu wehren oder um zu winken<br \/>\nund um am Arm allein zu sein.<\/p>\n<p>Noch gestern war die Stirne wie ein Stein<\/p>\n<p>im Bach, ger\u00fcndet von den Tagen,<br \/>\ndie nichts bedeuten als ein Wellenschlagen<br \/>\nund nichts verlangen, als ein Bild zu tragen<br \/>\nvon Himmeln, die der Zufall dr\u00fcber h\u00e4ngt;<br \/>\nheut dr\u00e4ngt<br \/>\nauf ihr sich eine Weltgeschichte<br \/>\nvor einem unerbittlichen Gerichte,<br \/>\nund sie versinkt in seinem Urteilsspruch.<\/p>\n<p>Raum wird auf einem neuen Angesichte.<br \/>\nEs war kein Licht vor diesem Lichte,<br \/>\nund, wie noch nie, beginnt dein Buch.<br \/>\nIch liebe dich, du sanftestes Gesetz,<br \/>\nan dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;<br \/>\ndu gro\u00dfes Heimweh, das wir nicht bezwangen,<br \/>\ndu Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,<br \/>\ndu Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,<br \/>\ndu dunkles Netz,<\/p>\n<p>darin sich fl\u00fcchtend die Gef\u00fchle fangen.<\/p>\n<p>Du hast dich so unendlich gro\u00df begonnen<br \/>\nan jenem Tage, da du uns begannst, &#8211;<br \/>\nund wir sind so gereift in deinen Sonnen,<br \/>\nso breit geworden und so tief gepflanzt,<br \/>\nda\u00df du in Menschen, Engeln und Madonnen<br \/>\ndich ruhend jetzt vollenden kannst.<\/p>\n<p>La\u00df deine Hand am Hang der Himmel ruhn<br \/>\nund dulde stumm, was wir dir dunkel tun.<br \/>\nWerkleute sind wir: Knappen, J\u00fcnger, Meister,<br \/>\nund bauen dich, du hohes Mittelschiff.<br \/>\nUnd manchmal kommt ein ernster Hergereister,<br \/>\ngeht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister<br \/>\nund zeigt uns zitternd einen neuen Griff.<\/p>\n<p>Wir steigen in die wiegenden Ger\u00fcste,<\/p>\n<p>in unsern H\u00e4nden h\u00e4ngt der Hammer schwer,<br \/>\nbis eine Stunde uns die Stirnen k\u00fc\u00dfte,<br \/>\ndie strahlend und als ob sie Alles w\u00fc\u00dfte<br \/>\nvon dir kommt, wie der Wind vom Meer.<\/p>\n<p>Dann ist ein Hallen von dem vielen H\u00e4mmern<br \/>\nund durch die Berge geht es Sto\u00df um Sto\u00df.<br \/>\nErst wenn es dunkelt lassen wir dich los:<br \/>\nUnd deine kommenden Konturen d\u00e4mmern.<\/p>\n<p>Gott, du bist gro\u00df.<br \/>\nDu bist so gro\u00df, da\u00df ich schon nicht mehr bin,<br \/>\nwenn ich mich nur in deine N\u00e4he stelle.<br \/>\nDu bist so dunkel; meine kleine Helle<br \/>\nan deinem Saum hat keinen Sinn.<br \/>\nDein Wille geht wie eine Welle<br \/>\nund jeder Tag ertrinkt darin.<br \/>\nNur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn<br \/>\nund steht vor dir wie aller Engel gr\u00f6\u00dfter:<br \/>\nein fremder, bleicher und noch unerl\u00f6ster,<br \/>\nund h\u00e4lt dir seine Fl\u00fcgel hin.<\/p>\n<p>Er will nicht mehr den uferlosen Flug,<br \/>\nan dem die Monde bla\u00df vor\u00fcberschwammen,<br \/>\nund von den Welten wei\u00df er l\u00e4ngst genug.<br \/>\nMit seinen Fl\u00fcgeln will er wie mit Flammen<br \/>\nvor deinem schattigen Gesichte stehn<br \/>\nund will bei ihrem wei\u00dfen Scheine sehn,<br \/>\nob deine grauen Brauen ihn verdammen.<br \/>\nSo viele Engel suchen dich im Lichte<br \/>\nund sto\u00dfen mit den Stirnen nach den Sternen<br \/>\nund wollen dich aus jedem Glanze lernen.<br \/>\nMir aber ist, sooft ich von dir dichte,<br \/>\nda\u00df sie mit abgewendetem Gesichte<br \/>\nvon deines Mantels Falten sich entfernen.<br \/>\nDenn du warst selber nur ein Gast des Golds.<br \/>\nNur einer Zeit zuliebe, die dich flehte<br \/>\nin ihre klaren marmornen Gebete,<br \/>\nerschienst du wie der K\u00f6nig der Komete,<br \/>\nauf deiner Stirne Strahlenstr\u00f6me stolz.<\/p>\n<p>Du kehrtest heim, da jene Zeit zerschmolz.<\/p>\n<p>Ganz dunkel ist dein Mund, von dem ich wehte,<br \/>\nund deine H\u00e4nde sind von Ebenholz.<br \/>\nDas waren Tage Michelangelo&#8217;s,<br \/>\nvon denen ich in fremden B\u00fcchern las.<br \/>\nDas war der Mann, der \u00fcber einem Ma\u00df,<br \/>\ngigantengro\u00df,<br \/>\ndie Unerme\u00dflichkeit verga\u00df.<\/p>\n<p>Das war der Mann, der immer wiederkehrt,<\/p>\n<p>wenn eine Zeit noch einmal ihren Wert,<br \/>\nda sie sich enden will, zusammenfa\u00dft.<br \/>\nDa hebt noch einer ihre ganze Last<br \/>\nund wirft sie in den Abgrund seiner Brust.<\/p>\n<p>Die vor ihm hatten Leid und Lust;<br \/>\ner aber f\u00fchlt nur noch des Lebens Masse<br \/>\nund da\u00df er Alles wie ein Ding umfasse, &#8211;<br \/>\nnur Gott bleibt \u00fcber seinem Willen weit:<br \/>\nda liebt er ihn mit seinem hohen Hasse<br \/>\nf\u00fcr diese Unerreichbarkeit.<br \/>\nDer Ast vom Baume Gott, der \u00fcber Italien reicht,<br \/>\nhat schon gebl\u00fcht.<br \/>\nEr h\u00e4tte vielleicht<br \/>\nsich schon gerne, mit Fr\u00fcchten gef\u00fcllt, verfr\u00fcht,<br \/>\ndoch er wurde mitten im Bl\u00fchen m\u00fcd,<br \/>\nund er wird keine Fr\u00fcchte haben.<br \/>\nNur der Fr\u00fchling Gottes war dort,<br \/>\nnur sein Sohn, das Wort,<br \/>\nvollendete sich.<br \/>\nEs wendete sich<br \/>\nalle Kraft zu dem strahlenden Knaben.<br \/>\nAlle kamen mit Gaben<br \/>\nzu ihm;<br \/>\nalle sangen wie Cherubim<br \/>\nseinen Preis.<\/p>\n<p>Und er duftete leis<br \/>\nals Rose der Rosen.<br \/>\nEr war ein Kreis<br \/>\num die Heimatlosen.<br \/>\nEr ging in M\u00e4nteln und Metamorphosen<br \/>\ndurch alle steigenden Stimmen der Zeit.<br \/>\nDa ward auch die zur Frucht Erweckte,<br \/>\ndie sch\u00fcchterne und sch\u00f6nerschreckte,<\/p>\n<p>die heimgesuchte Magd geliebt.<br \/>\nDie Bl\u00fchende, die Unentdeckte,<br \/>\nin der es hundert Wege giebt.<\/p>\n<p>Da lie\u00dfen sie sie gehn und schweben<br \/>\nund treiben mit dem jungen Jahr;<br \/>\nihr dienendes Marien-Leben<br \/>\nward k\u00f6niglich und wunderbar.<br \/>\nWie feiert\u00e4gliches Gel\u00e4ute<br \/>\nging es durch alle H\u00e4user gro\u00df;<br \/>\nund die einst m\u00e4dchenhaft Zerstreute<br \/>\nwar so versenkt in ihren Schoo\u00df<br \/>\nund so erf\u00fcllt von jenem Einen<br \/>\nund so f\u00fcr Tausende genug,<br \/>\nda\u00df alles schien, sie zu bescheinen,<br \/>\ndie wie ein Weinberg war und trug.<br \/>\nAber als h\u00e4tte die Last der Fruchtgeh\u00e4nge<br \/>\nund der Verfall der S\u00e4ulen und Bogeng\u00e4nge<\/p>\n<p>und der Abgesang der Ges\u00e4nge<br \/>\nsie beschwert,<br \/>\nhat die Jungfrau sich in anderen Stunden,<br \/>\nwie von Gr\u00f6\u00dferem noch unentbunden,<br \/>\nkommenden Wunden<br \/>\nzugekehrt.<\/p>\n<p>Ihre H\u00e4nde, die sich lautlos l\u00f6sten,<br \/>\nliegen leer.<br \/>\nWehe, sie gebar noch nicht den Gr\u00f6\u00dften.<br \/>\nUnd die Engel, die nicht tr\u00f6sten,<br \/>\nstehen fremd und furchtbar um sie her.<br \/>\nSo hat man sie gemalt; vor allem Einer,<br \/>\nder seine Sehnsucht aus der Sonne trug.<br \/>\nIhm reifte sie aus allen R\u00e4tseln reiner,<br \/>\naber im Leiden immer allgemeiner:<br \/>\nsein ganzes Leben war er wie ein Weiner,<br \/>\ndem sich das Weinen in die H\u00e4nde schlug.<br \/>\nEr ist der sch\u00f6nste Schleier ihrer Schmerzen,<br \/>\nder sich an ihre wehen Lippen schmiegt,<br \/>\nsich \u00fcber ihnen fast zum L\u00e4cheln biegt &#8211;<br \/>\nund von dem Licht aus sieben Engelskerzen<br \/>\nwird sein Geheimnis nicht besiegt.<br \/>\nMit einem Ast, der jenem niemals glich,<br \/>\nwird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich<br \/>\nverk\u00fcndend werden und aus Reife rauschen;<br \/>\nin einem Lande, wo die Menschen lauschen,<br \/>\nwo jeder \u00e4hnlich einsam ist wie ich.<\/p>\n<p>Denn nur dem Einsamen wird offenbart,<br \/>\nund vielen Einsamen der gleichen Art<br \/>\nwird mehr gegeben als dem schmalen Einen.<br \/>\nDenn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,<br \/>\nbis sie erkennen, nah am Weinen,<br \/>\nda\u00df durch ihr meilenweites Meinen,<\/p>\n<p>durch ihr Vernehmen und Verneinen,<br \/>\nverschieden nur in hundert Seinen<br \/>\nein Gott wie eine Welle geht.<\/p>\n<p>Das ist das endlichste Gebet,<br \/>\ndas dann die Sehenden sich sagen:<br \/>\nDie Wurzel Gott hat Frucht getragen,<br \/>\ngeht hin, die Glocken zu zerschlagen;<br \/>\nwir kommen zu den stillern Tagen,<br \/>\nin denen reif die Stunde steht.<br \/>\nDie Wurzel Gott hat Frucht getragen.<br \/>\nSeid ernst und seht.<br \/>\nIch kann nicht glauben, da\u00df der kleine Tod,<br \/>\ndem wir doch t\u00e4glich \u00fcbern Scheitel schauen,<br \/>\nuns eine Sorge bleibt und eine Not.<\/p>\n<p>Ich kann nicht glauben, da\u00df er ernsthaft droht;<br \/>\nich lebe noch, ich habe Zeit zu bauen:<\/p>\n<p>mein Blut ist l\u00e4nger als die Rosen rot.<br \/>\nMein Sinn ist tiefer als das witzige Spiel<br \/>\nmit unsrer Furcht, darin er sich gef\u00e4llt.<br \/>\nIch bin die Welt,<br \/>\naus der er irrend fiel.<br \/>\nWie er<br \/>\nkreisende M\u00f6nche wandern so umher;<br \/>\nman f\u00fcrchtet sich vor ihrer Wiederkehr,<br \/>\nman wei\u00df nicht: ist es jedesmal derselbe,<br \/>\nsinds zwei, sinds zehn, sinds tausend oder mehr?<br \/>\nMan kennt nur diese fremde gelbe Hand,<br \/>\ndie sich ausstreckt so nackt und nah &#8211;<br \/>\nda da:<br \/>\nals k\u00e4m sie aus dem eigenen Gewand.<br \/>\nWas wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?<br \/>\nIch bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)<br \/>\nIch bin dein Trank (wenn ich verderbe?)<\/p>\n<p>Bin dein Gewand und dein Gewerbe,<br \/>\nmit mir verlierst du deinen Sinn.<\/p>\n<p>Nach mir hast du kein Haus, darin<br \/>\ndich Worte, nah und warm, begr\u00fc\u00dfen.<br \/>\nEs f\u00e4llt von deinen m\u00fcden F\u00fc\u00dfen<br \/>\ndie Samtsandale, die ich bin.<\/p>\n<p>Dein gro\u00dfer Mantel l\u00e4\u00dft dich los.<br \/>\nDein Blick, den ich mit meiner Wange<br \/>\nwarm, wie mit einem Pf\u00fchl, empfange,<br \/>\nwird kommen, wird mich suchen, lange &#8211;<br \/>\nund legt beim Sonnenuntergange<br \/>\nsich fremden Steinen in den Schoo\u00df.<\/p>\n<p>Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.<br \/>\nDu bist der raunende Verru\u00dfte,<br \/>\nauf allen \u00d6fen schl\u00e4fst du breit.<\/p>\n<p>Das Wissen ist nur in der Zeit.<br \/>\nDu bist der dunkle Unbewu\u00dfte<br \/>\nvon Ewigkeit zu Ewigkeit.<\/p>\n<p>Du bist der Bittende und Bange,<br \/>\nder aller Dinge Sinn beschwert.<br \/>\nDu bist die Silbe im Gesange,<br \/>\ndie immer zitternder im Zwange<br \/>\nder starken Stimmen wiederkehrt.<\/p>\n<p>Du hast dich anders nie gelehrt:<\/p>\n<p>Denn du bist nicht der Sch\u00f6numscharte,<br \/>\num welchen sich der Reichtum reiht.<br \/>\nDu bist der Schlichte, welcher sparte.<br \/>\nDu bist der Bauer mit dem Barte<br \/>\nvon Ewigkeit zu Ewigkeit.<br \/>\nAn den jungen Bruder<br \/>\nDu, gestern Knabe, dem die Wirrnis kam:<br \/>\nDa\u00df sich dein Blut in Blindheit nicht vergeude.<br \/>\nDu meinst nicht den Genu\u00df, du meinst die Freude;<br \/>\ndu bist gebildet als ein Br\u00e4utigam,<br \/>\nund deine Braut soll werden: deine Scham.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Lust hat auch nach dir Verlangen,<br \/>\nund alle Arme sind auf einmal nackt.<br \/>\nAuf frommen Bildern sind die bleichen Wangen<br \/>\nvon fremden Feuern \u00fcberflackt;<br \/>\nund deine Sinne sind wie viele Schlangen,<br \/>\ndie, von des Tones Rot umfangen,<br \/>\nsich spannen in der Tamburine Takt.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich bist du ganz allein gelassen<br \/>\nmit deinen H\u00e4nden, die dich hassen &#8211;<br \/>\nund wenn dein Wille nicht ein Wunder tut:<br \/>\n&#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211; &#8211;<br \/>\nAber da gehen wie durch dunkle Gassen<\/p>\n<p>von Gott Ger\u00fcchte durch dein dunkles Blut.<\/p>\n<p>An den jungen Bruder<\/p>\n<p>Dann bete du, wie es dich dieser lehrt,<br \/>\nder selber aus der Wirrnis wiederkehrt<br \/>\nund so, da\u00df er zu heiligen Gestalten,<br \/>\ndie alle ihres Wesens W\u00fcrde halten,<br \/>\nin einer Kirche und auf goldnen Smalten<br \/>\ndie Sch\u00f6nheit malte, und sie hielt ein Schwert.<\/p>\n<p>Er lehrt dich sagen:<\/p>\n<p>Du mein tiefer Sinn,<br \/>\nvertraue mir, da\u00df ich dich nicht entt\u00e4usche;<br \/>\nin meinem Blute sind so viel Ger\u00e4usche,<br \/>\nich aber wei\u00df, da\u00df ich aus Sehnsucht bin.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Ernst bricht \u00fcber mich herein.<br \/>\nIn seinem Schatten ist das Leben k\u00fchl.<br \/>\nIch bin zum erstenmal mit dir allein,<\/p>\n<p>du, mein Gef\u00fchl.<br \/>\nDu bist so m\u00e4dchenhaft.<\/p>\n<p>Es war ein Weib in meiner Nachbarschaft<br \/>\nund winkte mir aus welkenden Gew\u00e4ndern.<br \/>\nDu aber sprichst mir von so fernen L\u00e4ndern.<br \/>\nUnd meine Kraft<br \/>\nschaut nach den H\u00fcgelr\u00e4ndern.<br \/>\nIch habe Hymnen, die ich schweige.<br \/>\nEs giebt ein Aufgerichtet sein,<br \/>\ndarin ich meine Sinne neige:<br \/>\ndu siebst mich gro\u00df und ich bin klein.<br \/>\nDu kannst mich dunkel unterscheiden<br \/>\nvon jenen Dingen, welche knien;<br \/>\nsie sind wie Herden und sie weiden,<br \/>\nich bin der Hirt am Hang der Heiden,<br \/>\nvor welchem sie zu Abend ziehn.<br \/>\nDann komm ich hinter ihnen her<\/p>\n<p>und h\u00f6re dumpf die dunklen Br\u00fccken,<br \/>\nund in dem Rauch von ihren R\u00fccken<br \/>\nverbirgt sich meine Wiederkehr.<br \/>\nGott, wie begreif ich deine Stunde,<br \/>\nals du, da\u00df sie im Raum sich runde,<br \/>\ndie Stimme vor dich hingestellt;<br \/>\ndir war das Nichts wie eine Wunde,<br \/>\nda k\u00fchltest du sie mit der Welt.<\/p>\n<p>Jetzt heilt es leise unter uns.<\/p>\n<p>Denn die Vergangenheiten tranken<br \/>\ndie vielen Fieber aus dem Kranken,<br \/>\nwir f\u00fchlen schon in sanftem Schwanken<br \/>\nden ruhigen Puls des Hintergrunds.<\/p>\n<p>Wir liegen lindernd auf dem Nichts<br \/>\nund wir verh\u00fcllen alle Risse;<\/p>\n<p>du aber w\u00e4chst ins Ungewisse<br \/>\nim Schatten deines Angesichts.<br \/>\nAlle, die ihre H\u00e4nde regen<br \/>\nnicht in der Zeit, der armen Stadt,<br \/>\nalle, die sie an Leises legen,<br \/>\nan eine Stelle, fern den Wegen,<br \/>\ndie kaum noch einen Namen hat, &#8211;<br \/>\nsprechen dich aus, du Alltagssegen,<br \/>\nund sagen sanft auf einem Blatt:<\/p>\n<p>Es giebt im Grunde nur Gebete,<br \/>\nso sind die H\u00e4nde uns geweiht,<br \/>\nda\u00df sie nichts schufen, was nicht flehte;<br \/>\nob einer malte oder m\u00e4hte,<br \/>\nschon aus dem Ringen der Ger\u00e4te<br \/>\nentfaltete sich Fr\u00f6mmigkeit.<\/p>\n<p>Die Zeit ist eine vielgestalte.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren manchmal von der Zeit,<br \/>\nund tun das Ewige und Alte;<br \/>\nwir wissen, da\u00df uns Gott umwallte<br \/>\ngro\u00df wie ein Bart und wie ein Kleid.<br \/>\nWir sind wie Adern im Basalte<br \/>\nin Gottes harter Herrlichkeit.<br \/>\nDer Name ist uns wie ein Licht<br \/>\nhart an die Stirn gestellt.<br \/>\nDa senkte sich mein Angesicht<br \/>\nvor diesem zeitigen Gericht<br \/>\nund sah (von dem es seither spricht)<br \/>\ndich, gro\u00dfes dunkelndes Gewicht<br \/>\nan mir und an der Welt.<br \/>\nDu bogst mich langsam aus der Zeit,<br \/>\nin die ich schwankend stieg;<br \/>\nich neigte mich nach leisem Streit:<\/p>\n<p>jetzt dauert deine Dunkelheit<br \/>\num deinen sanften Sieg.<\/p>\n<p>Jetzt hast du mich und wei\u00dft nicht wen,<br \/>\ndenn deine breiten Sinne sehn<br \/>\nmir, da\u00df ich dunkel ward.<br \/>\nDu h\u00e4ltst mich seltsam zart<br \/>\nund horchst, wie meine H\u00e4nde gehn<br \/>\ndurch deinen alten Bart.<br \/>\nDein allererstes Wort war: Licht:<br \/>\nda ward die Zeit. Dann schwiegst du lange.<br \/>\nDein zweites Wort ward Mensch und bange<br \/>\n(wir dunkeln noch in seinem Klange)<br \/>\nund wieder sinnt dein Angesicht.<\/p>\n<p>Ich aber will dein drittes nicht.<\/p>\n<p>Ich bete nachts oft: Sei der Stumme,<\/p>\n<p>der wachsend in Geb\u00e4rden bleibt<br \/>\nund den der Geist im Traume treibt,<br \/>\nda\u00df er des Schweigens schwere Summe<br \/>\nin Stirnen und Gebirge schreibt.<\/p>\n<p>Sei du die Zuflucht vor dem Zorne,<br \/>\nder das Unsagbare verstie\u00df.<br \/>\nEs wurde Nacht im Paradies:<br \/>\nsei du der H\u00fcter mit dem Horne,<br \/>\nund man erz\u00e4hlt nur, da\u00df er blies.<br \/>\nDu kommst und gehst. Die T\u00fcren fallen<br \/>\nviel sanfter zu, fast ohne Wehn.<br \/>\nDu bist der Leiseste von Allen,<br \/>\ndie durch die leisen H\u00e4user gehn.<\/p>\n<p>Man kann sich so an dich gew\u00f6hnen,<br \/>\nda\u00df man nicht aus dem Buche schaut,<br \/>\nwenn seine Bilder sich versch\u00f6nen,<\/p>\n<p>von deinem Schatten \u00fcberblaut;<br \/>\nweil dich die Dinge immer t\u00f6nen,<br \/>\nnur einmal leis und einmal laut.<\/p>\n<p>Oft wenn ich dich in Sinnen sehe,<br \/>\nverteilt sich deine Allgestalt:<br \/>\ndu gehst wie lauter lichte Rehe<br \/>\nund ich bin dunkel und bin Wald.<\/p>\n<p>Du bist ein Rad, an dem ich stehe:<br \/>\nvon deinen vielen dunklen Achsen<br \/>\nwird immer wieder eine schwer<br \/>\nund dreht sich n\u00e4her zu mir her,<\/p>\n<p>und meine willigen Werke wachsen<br \/>\nvon Wiederkehr zu Wiederkehr.<br \/>\nDu bist der Tiefste, welcher ragte,<br \/>\nder Taucher und der T\u00fcrme Neid.<\/p>\n<p>Du bist der Sanfte, der sich sagte,<br \/>\nund doch: wenn dich ein Feiger fragte,<br \/>\nso schwelgtest du in Schweigsamkeit.<\/p>\n<p>Du bist der Wald der Widerspr\u00fcche.<br \/>\nIch darf dich wiegen wie ein Kind,<br \/>\nund doch vollziehn sich deine Fl\u00fcche,<br \/>\ndie \u00fcber V\u00f6lkern furchtbar sind.<\/p>\n<p>Dir ward das erste Buch geschrieben,<br \/>\ndas erste Bild versuchte dich,<br \/>\ndu warst im Leiden und im Lieben,<br \/>\ndein Ernst war wie aus Erz getrieben<br \/>\nauf jeder Stirn, die mit den sieben<br \/>\nerf\u00fcllten Tagen dich verglich.<\/p>\n<p>Du gingst in Tausenden verloren,<br \/>\nund alle Opfer wurden kalt;<br \/>\nbis du in hohen Kirchenchoren<br \/>\ndich r\u00fchrtest hinter goldnen Toren;<\/p>\n<p>und eine Bangnis, die geboren,<br \/>\numg\u00fcrtete dich mit Gestalt.<br \/>\nIch wei\u00df: Du bist der R\u00e4tselhafte,<br \/>\num den die Zeit in Z\u00f6gern stand.<br \/>\nO wie so sch\u00f6n ich dich erschaffte<br \/>\nin einer Stunde, die mich straffte,<br \/>\nin einer Hoffahrt meiner Hand.<\/p>\n<p>Ich zeichnete viel ziere Risse,<br \/>\nbehorchte alle Hindernisse, &#8211;<br \/>\ndann wurden mir die Pl\u00e4ne krank:<br \/>\nes wirrten sich wie Dorngerank<br \/>\ndie Linien und die Ovale,<br \/>\nbis tief in mir mit einem Male<br \/>\naus einem Griff ins Ungewisse<br \/>\ndie frommste aller Formen sprang.<\/p>\n<p>Ich kann mein Werk nicht \u00fcberschaun<\/p>\n<p>und f\u00fchle doch: es steht vollendet.<br \/>\nAber, die Augen abgewendet,<br \/>\nwill ich es immer wieder baun.<br \/>\nSo ist mein Tagwerk, \u00fcber dem<br \/>\nmein Schatten liegt wie eine Schale.<br \/>\nUnd bin ich auch wie Laub und Lehm,<br \/>\nsooft ich bete oder male<br \/>\nist Sonntag, und ich bin im Tale<br \/>\nein jubelndes Jerusalem.<\/p>\n<p>Ich bin die stolze Stadt des Herrn<br \/>\nund sage ihn mit hundert Zungen;<br \/>\nin mir ist Davids Dank verklungen:<br \/>\nich lag in Harfend\u00e4mmerungen<br \/>\nund atmete den Abendstern.<\/p>\n<p>Nach Aufgang gehen meine Gassen.<br \/>\nUnd bin ich lang vom Volk verlassen,<\/p>\n<p>so ists: damit ich gr\u00f6\u00dfer bin.<br \/>\nIch h\u00f6re jeden in mir schreiten<br \/>\nund breite meine Einsamkeiten<br \/>\nvon Anbeginn zu Anbeginn.<br \/>\nIhr vielen unbest\u00fcrmten St\u00e4dte,<br \/>\nhabt ihr euch nie den Feind ersehnt?<br \/>\nO da\u00df er euch belagert h\u00e4tte<br \/>\nein langes schwankendes Jahrzehnt.<\/p>\n<p>Bis ihr ihn trostlos und in Trauern,<br \/>\nbis da\u00df ihr hungernd ihn ertrugt;<br \/>\ner liegt wie Landschaft vor den Mauern,<br \/>\ndenn also wei\u00df er auszudauern<br \/>\num jene, die er heimgesucht.<\/p>\n<p>Schaut aus vom Rande eurer D\u00e4cher<br \/>\nda lagert er und wird nicht matt<br \/>\nund wird nicht weniger und schw\u00e4cher<\/p>\n<p>und schickt nicht Droher und Versprecher<br \/>\nund \u00dcberreder in die Stadt.<\/p>\n<p>Er ist der gro\u00dfe Mauerbrecher,<br \/>\nder eine stumme Arbeit hat.<br \/>\nIch komme aus meinen Schwingen heim,<br \/>\nmit denen ich mich verlor.<br \/>\nIch war Gesang, und Gott, der Reim,<br \/>\nrauscht noch in meinem Ohr.<\/p>\n<p>Ich werde wieder still und schlicht,<br \/>\nund meine Stimme steht;<br \/>\nes senkte sich mein Angesicht<br \/>\nzu besserem Gebet.<br \/>\nDen andern war ich wie ein Wind,<br \/>\nda ich sie r\u00fcttelnd rief.<br \/>\nWeit war ich, wo die Engel sind,<br \/>\nhoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt &#8211;<\/p>\n<p>Gott aber dunkelt tief.<\/p>\n<p>Die Engel sind das letzte Wehn<br \/>\nan seines Wipfels Saum;<br \/>\nda\u00df sie aus seinen \u00c4sten gehn,<br \/>\nist ihnen wie ein Traum.<br \/>\nSie glauben dort dem Lichte mehr<br \/>\nals Gottes schwarzer Kraft,<br \/>\nes fl\u00fcchtete sich Lucifer<br \/>\nin ihre Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Er ist der F\u00fcrst im Land des Lichts,<br \/>\nund seine Stirne steht<br \/>\nso steil am gro\u00dfen Glanz des Nichts,<br \/>\nda\u00df er, versengten Angesichts,<br \/>\nnach Finsternissen fleht.<\/p>\n<p>Er ist der helle Gott der Zeit,<br \/>\nzu dem sie laut erwacht,<br \/>\nund weil er oft in Schmerzen schreit<\/p>\n<p>und oft in Schmerzen lacht,<br \/>\nglaubt sie an seine Seligkeit<br \/>\nund hangt an seiner Macht.<\/p>\n<p>Die Zeit ist wie ein welker Rand<br \/>\nan einem Buchenblatt.<br \/>\nSie ist das gl\u00e4nzende Gewand,<br \/>\ndas Gott verworfen hat,<br \/>\nals Er, der immer Tiefe war,<br \/>\nerm\u00fcdete des Flugs<br \/>\nund sich verbarg vor jedem Jahr,<br \/>\nbis ihm sein wurzelhaftes Haar<br \/>\ndurch alle Dinge wuchs.<br \/>\nDu wirst nur mit der Tat erfa\u00dft;<br \/>\nmit H\u00e4nden nur erhellt;<br \/>\nein jeder Sinn ist nur ein Gast<br \/>\nund sehnt sich aus der Welt.<br \/>\nErsonnen ist ein jeder Sinn,<br \/>\nman f\u00fchlt den feinen Saum darin<br \/>\nund da\u00df ihn einer spann:<br \/>\nDu aber kommst und giebst dich hin<br \/>\nund f\u00e4llst den Fl\u00fcchtling an.<\/p>\n<p>Ich will nicht wissen, wo du bist,<br \/>\nsprich mir aus \u00fcberall.<br \/>\nDein williger Euangelist<br \/>\nverzeichnet alles und vergi\u00dft<br \/>\nzu schauen nach dem Schall.<\/p>\n<p>Ich geh doch immer auf dich zu<br \/>\nmit meinem ganzen Gehn;<br \/>\ndenn wer bin ich und wer bist du,<br \/>\nwenn wir uns nicht verstehn?<br \/>\nMein Leben hat das gleiche Kleid und Haar<br \/>\nwie aller alten Zaren Sterbestunde.<\/p>\n<p>Die Macht entfremdete nur meinem Munde,<br \/>\ndoch meine Reiche, die ich schweigend runde,<br \/>\nversammeln sich in meinem Hintergrunde<br \/>\nund meine Sinne sind noch Gossudar.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie ist beten immer noch: Erbauen,<br \/>\naus allen Ma\u00dfen bauen, da\u00df das Grauen<br \/>\nfast wie die Gr\u00f6\u00dfe wird und sch\u00f6n, &#8211;<br \/>\nund: jedes Hinknien und Vertrauen<br \/>\n(da\u00df es die andern nicht beschauen)<br \/>\nmit vielen goldenen und blauen<br \/>\nund bunten Kuppeln \u00fcberh\u00f6hn.<\/p>\n<p>Denn was sind Kirchen und sind Kl\u00f6ster<br \/>\nin ihrem Steigen und Erstehn<br \/>\nals Harfen, t\u00f6nende Vertr\u00f6ster,<br \/>\ndurch die die H\u00e4nde Halberl\u00f6ster<br \/>\nvor K\u00f6nigen und Jungfraun gehn.<\/p>\n<p>Und Gott befiehlt mir, da\u00df ich schriebe:<\/p>\n<p>Den K\u00f6nigen sei Grausamkeit.<br \/>\nSie ist der Engel vor der Liebe,<br \/>\nund ohne diesen Bogen bliebe<br \/>\nmir keine Br\u00fccke in die Zeit.<\/p>\n<p>Und Gott befiehlt mir, da\u00df ich male:<\/p>\n<p>Die Zeit ist mir mein tiefstes Weh,<br \/>\nso legte ich in ihre Schale:<br \/>\ndas wache Weib, die Wundenmale,<br \/>\nden reichen Tod (da\u00df er sie zahle),<br \/>\nder St\u00e4dte bange Bacchanale,<br \/>\nden Wahnsinn und die K\u00f6nige.<\/p>\n<p>Und Gott befiehlt mir, da\u00df ich baue:<br \/>\nDenn K\u00f6nig bin ich von der Zeit.<br \/>\nDir aber bin ich nur der graue<br \/>\nMitwisser deiner Einsamkeit.<\/p>\n<p>Und bin das Auge mit der Braue&#8230;<\/p>\n<p>Das \u00fcber meine Schulter schaue<br \/>\nvon Ewigkeit zu Ewigkeit.<br \/>\nEs tauchten tausend Theologen<br \/>\nin deines Namens alte Nacht.<br \/>\nJungfrauen sind zu dir erwacht,<br \/>\nund J\u00fcnglinge in Silber zogen<br \/>\nund schimmerten in dir, du Schlacht.<\/p>\n<p>In deinen langen Bogeng\u00e4ngen<br \/>\nbegegneten die Dichter sich<br \/>\nund waren K\u00f6nige von Kl\u00e4ngen<br \/>\nund mild und tief und meisterlich.<\/p>\n<p>Du bist die sanfte Abendstunde,<br \/>\ndie alle Dichter \u00e4hnlich macht;<br \/>\ndu dr\u00e4ngst dich dunkel in die Munde,<\/p>\n<p>und im Gef\u00fchl von einem Funde<br \/>\numgiebt ein jeder dich mit Pracht.<\/p>\n<p>Dich heben hunderttausend Harfen<br \/>\nwie Schwingen aus der Schweigsamkeit.<br \/>\nUnd deine alten Winde warfen<br \/>\nzu allen Dingen und Bedarfen<br \/>\nden Hauch von deiner Herrlichkeit.<br \/>\nDie Dichter haben dich verstreut<br \/>\n(es ging ein Sturm durch alles Stammeln),<br \/>\nich aber will dich wieder sammeln<br \/>\nin dem Gef\u00e4\u00df, das dich erfreut.<\/p>\n<p>Ich wanderte in vielem Winde;<br \/>\nda triebst du tausendmal darin.<br \/>\nIch bringe alles was ich finde:<br \/>\nals Becher brauchte dich der Blinde,<br \/>\nsehr tief verbarg dich das Gesinde,<\/p>\n<p>der Bettler aber hielt dich hin;<br \/>\nund manchmal war bei einem Kinde<br \/>\nein gro\u00dfes St\u00fcck von deinem Sinn.<\/p>\n<p>Du siehst, da\u00df ich ein Sucher bin.<\/p>\n<p>Einer, der hinter seinen H\u00e4nden<br \/>\nverborgen geht und wie ein Hirt;<br \/>\n(m\u00f6gst du den Blick der ihn beirrt,<br \/>\nden Blick der Fremden von ihm wenden).<br \/>\nEiner der tr\u00e4umt, dich zu vollenden<br \/>\nund: da\u00df er sich vollenden wird.<br \/>\nSelten ist Sonne im Sob\u00f3r.<br \/>\nDie W\u00e4nde wachsen aus Gestalten,<br \/>\nund durch die Jungfraun und die Alten<br \/>\ndr\u00e4ngt sich, wie Fl\u00fcgel im Entfalten,<br \/>\ndas goldene, das Kaiser-Tor.<br \/>\nAn seinem S\u00e4ulenrand verlor<br \/>\ndie Wand sich hinter den Ikonen;<br \/>\nund, die im stillen Silber wohnen,<br \/>\ndie Steine, steigen wie ein Chor<br \/>\nund fallen wieder in die Kronen<br \/>\nund schweigen sch\u00f6ner als zuvor.<\/p>\n<p>Und \u00fcber sie, wie N\u00e4chte blau,<br \/>\nvon Angesichte bla\u00df,<br \/>\nschwebt, die dich freuete, die Frau:<br \/>\ndie Pf\u00f6rtnerin, der Morgentau,<br \/>\ndie dich umbl\u00fcht wie eine Au<br \/>\nund ohne Unterla\u00df.<\/p>\n<p>Die Kuppel ist voll deines Sohns<br \/>\nund bindet rund den Bau.<\/p>\n<p>Willst du geruhen deines Throns,<br \/>\nden ich in Schauern schau.<br \/>\nDa trat ich als ein Pilger ein<br \/>\nund f\u00fchlte voller Qual<br \/>\nan meiner Stirne dich, du Stein.<br \/>\nMit Lichtern, sieben an der Zahl,<br \/>\numstellte ich dein dunkles Sein<br \/>\nund sah in jedem Bilde dein<br \/>\nbr\u00e4unliches Muttermal.<\/p>\n<p>Da stand ich, wo die Bettler stehn,<br \/>\ndie schlecht und hager sind:<br \/>\naus ihrem Auf- und Niederwehn<br \/>\nbegriff ich dich, du Wind.<br \/>\nIch sah den Bauer, \u00fcberjahrt,<br \/>\nb\u00e4rtig wie Joachim,<br \/>\nund daraus, wie er dunkel ward,<br \/>\nvon lauter \u00c4hnlichen umschart,<br \/>\nempfand ich dich wie nie so zart,<br \/>\nso ohne Wort geoffenbart<br \/>\nin allen und in ihm.<\/p>\n<p>Du l\u00e4\u00dft der Zeit den Lauf,<br \/>\nund dir ist niemals Ruh darin:<br \/>\nder Bauer findet deinen Sinn<br \/>\nund hebt ihn auf und wirft ihn hin<br \/>\nund hebt ihn wieder auf.<br \/>\nWie der W\u00e4chter in den Weingel\u00e4nden<br \/>\nseine H\u00fctte hat und wacht,<br \/>\nbin ich H\u00fctte, Herr, in deinen H\u00e4nden<br \/>\nund bin Nacht, o Herr, von deiner Nacht.<\/p>\n<p>Weinberg, Weide, alter Apfelgarten,<br \/>\nAcker, der kein Fr\u00fchjahr \u00fcberschl\u00e4gt,<br \/>\nFeigenbaum, der auch im marmorharten<br \/>\nGrunde hundert Fr\u00fcchte tr\u00e4gt:<\/p>\n<p>Duft geht aus aus deinen runden Zweigen.<br \/>\nUnd du fragst nicht, ob ich wachsam sei;<br \/>\nfurchtlos, aufgel\u00f6st in S\u00e4ften, steigen<br \/>\ndeine Tiefen still an mir vorbei.<br \/>\nGott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,<br \/>\ndann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.<br \/>\nAber die Worte, eh jeder beginnt,<br \/>\ndiese wolkigen Worte, sind:<\/p>\n<p>Von deinen Sinnen hinausgesandt,<br \/>\ngeh bis an deiner Sehnsucht Rand;<br \/>\ngieb mir Gewand.<br \/>\nHinter den Dingen wachse als Brand,<br \/>\nda\u00df ihre Schatten, ausgespannt,<br \/>\nimmer mich ganz bedecken.<\/p>\n<p>La\u00df dir Alles geschehn: Sch\u00f6nheit und Schrecken.<br \/>\nMan mu\u00df nur gehn: Kein Gef\u00fchl ist das fernste.<br \/>\nLa\u00df dich von mir nicht trennen.<br \/>\nNah ist das Land,<br \/>\ndas sie das Leben nennen.<\/p>\n<p>Du wirst es erkennen<br \/>\nan seinem Ernste.<\/p>\n<p>Gieb mir die Hand.<br \/>\nIch war bei den \u00e4ltesten M\u00f6nchen, den Malern und<\/p>\n<p>Mythenmeldern,<br \/>\ndie schrieben ruhig Geschichten und zeichneten Runen des Ruhms.<br \/>\nUnd ich seh dich in meinen Gesichten mit Winden, Wassern und W\u00e4ldern<br \/>\nrauschend am Rande des Christentums,<br \/>\ndu Land, nicht zu lichten.<\/p>\n<p>Ich will dich erz\u00e4hlen, ich will dich beschaun und beschreiben,<br \/>\nnicht mit Bol und mit Gold, nur mit Tinte aus Apfelbaumrinden;<br \/>\nich kann auch mit Perlen dich nicht an die Bl\u00e4tter binden,<br \/>\nund das zitterndste Bild, das mir meine Sinne erfinden,<br \/>\ndu w\u00fcrdest es blind durch dein einfaches Sein \u00fcbertreiben.<\/p>\n<p>So will ich die Dinge in dir nur bescheiden und schlichthin benamen,<br \/>\nwill die K\u00f6nige nennen, die \u00e4ltesten, woher sie kamen,<br \/>\nund will ihre Taten und Schlachten berichten am Rand meiner Seiten.<\/p>\n<p>Denn du bist der Boden. Dir sind nur wie Sommer die Zeiten,<br \/>\nund du denkst an die nahen nicht anders als an die entfernten,<br \/>\nund ob sie dich tiefer besamen und besser bebauen lernten:<br \/>\ndu f\u00fchlst dich nur leise ber\u00fchrt von den \u00e4hnlichen Ernten<br \/>\nund h\u00f6rst weder S\u00e4er noch Schnitter, die \u00fcber dich schreiten.<br \/>\nDu dunkelnder Grund, geduldig ertr\u00e4gst du die Mauern.<br \/>\nUnd vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den St\u00e4dten zu dauern<br \/>\nund gew\u00e4hrst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Kl\u00f6stern<br \/>\nund l\u00e4ssest f\u00fcnf Stunden noch M\u00fchsal allen Erl\u00f6stern<br \/>\nund siehst noch sieben Stunden das Tagwerk des Bauern -:<\/p>\n<p>Eh du wieder Wald wirst und Wasser und wachsende Wildnis<br \/>\nin der Stunde der unerfa\u00dflichen Angst,<br \/>\nda du dein unvollendetes Bildnis<br \/>\nvon allen Dingen zur\u00fcckverlangst.<\/p>\n<p>Gieb mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge<\/p>\n<p>so wie keiner lieben<br \/>\nbis sie dir alle w\u00fcrdig sind und weit.<br \/>\nIch will nur sieben Tage, sieben<br \/>\nauf die sich keiner noch geschrieben,<br \/>\nsieben Seiten Einsamkeit.<\/p>\n<p>Wem du das Buch giebst, welches die umfa\u00dft,<br \/>\nder wird geb\u00fcckt \u00fcber den Bl\u00e4ttern bleiben.<br \/>\nEs sei denn, da\u00df du ihn in H\u00e4nden hast,<br \/>\num selbst zu schreiben.<br \/>\nSo bin ich nur als Kind erwacht,<br \/>\nso sicher im Vertraun<br \/>\nnach jeder Angst und jeder Nacht<br \/>\ndich wieder anzuschaun.<br \/>\nIch wei\u00df, sooft mein Denken mi\u00dft,<br \/>\nwie tief, wie lang, wie weit &#8211; :<br \/>\ndu aber bist und bist und bist,<br \/>\numzittert von der Zeit.<\/p>\n<p>Mir ist, als w\u00e4r ich jetzt zugleich<br \/>\nKind, Knab und Mann und mehr.<br \/>\nIch f\u00fchle: nur der Ring ist reich<br \/>\ndurch seine Wiederkehr.<\/p>\n<p>Ich danke dir, du tiefe Kraft,<br \/>\ndie immer leiser mit mir schafft<br \/>\nwie hinter vielen W\u00e4nden;<br \/>\njetzt ward mir erst der Werktag schlicht<br \/>\nund wie ein heiliges Gesicht<br \/>\nzu meinen dunklen H\u00e4nden.<br \/>\nDa\u00df ich nicht war vor einer Weile,<br \/>\nwei\u00dft du davon? Und du sagst nein.<br \/>\nDa f\u00fchl ich, wenn ich nur nicht eile,<br \/>\nso kann ich nie vergangen sein.<\/p>\n<p>Ich bin ja mehr als Traum im Traume.<br \/>\nNur was sich sehnt nach einem Saume,<br \/>\nist wie ein Tag und wie ein Ton;<br \/>\nes dr\u00e4ngt sich fremd durch deine H\u00e4nde,<br \/>\nda\u00df es die viele Freiheit f\u00e4nde,<br \/>\nund traurig lassen sie davon.<\/p>\n<p>So blieb das Dunkel dir allein,<br \/>\nund, wachsend in die leere Lichte,<br \/>\nerhob sich eine Weltgeschichte<br \/>\naus immer blinderem Gestein.<br \/>\nIst einer noch, der daran baut?<br \/>\nDie Massen wollen wieder Massen,<br \/>\ndie Steine sind wie losgelassen<\/p>\n<p>und keiner ist von dir behauen..<br \/>\nEs l\u00e4rmt das Licht im Wipfel deines Baumes<br \/>\nund macht dir alle Dinge bunt und eitel,<br \/>\nsie finden dich erst wenn der Tag verglomm.<br \/>\nDie D\u00e4mmerung, die Z\u00e4rtlichkeit des Raumes,<br \/>\nlegt tausend H\u00e4nde \u00fcber tausend Scheitel,<br \/>\nund unter ihnen wird das Fremde fromm.<\/p>\n<p>Du willst die Welt nicht anders an dich halten<br \/>\nals so, mit dieser sanftesten Geb\u00e4rde.<br \/>\nAus ihren Himmeln greifst du dir die Erde<br \/>\nund f\u00fchlst sie unter deines Mantels Falten.<\/p>\n<p>Du hast so eine leise Art zu sein.<br \/>\nUnd jene, die dir laute Namen weihn,<br \/>\nsind schon vergessen deiner Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Von deinen H\u00e4nden, die sich bergig heben,<br \/>\nsteigt, unsern Sinnen das Gesetz zu geben,<br \/>\nmit dunkler Stirne deine stumme Kraft.<br \/>\nDu Williger, und deine Gnade kam<br \/>\nimmer in alle \u00e4ltesten Geb\u00e4rden.<br \/>\nWenn einer die H\u00e4nde zusammenflicht,<br \/>\nso da\u00df sie zahm<br \/>\nund um ein kleines Dunkel sind -:<br \/>\nauf einmal f\u00fchlt er dich in ihnen werden,<br \/>\nund wie im Winde<br \/>\nsenkt sich sein Gesicht<br \/>\nin Scham.<\/p>\n<p>Und da versucht er, auf dem Stein zu liegen<br \/>\nund aufzustehn, wie er bei andern sieht,<br \/>\nund seine M\u00fche ist, dich einzuwiegen,<br \/>\naus Angst, da\u00df er dein Wachsein schon verriet.<br \/>\nDenn wer dich f\u00fchlt, kann sich mit dir nicht br\u00fcsten;<br \/>\ner ist erschrocken, bang um dich und flieht<br \/>\nvor allen Fremden, die dich merken m\u00fc\u00dften:<\/p>\n<p>Du bist das Wunder in den W\u00fcsten,<br \/>\ndas Ausgewanderten geschieht.<br \/>\nEine Stunde vom Rande des Tages,<br \/>\nund das Land ist zu allem bereit.<br \/>\nWas du sehnst, meine Seele, sag es:<\/p>\n<p>Sei Heide und, Heide, sei weit.<br \/>\nHabe alte, alte Kurgane,<br \/>\nwachsend und kaumerkannt,<br \/>\nwenn es Mond wird \u00fcber das plane<br \/>\nlangvergangene Land.<br \/>\nGestalte dich, Stille. Gestalte<br \/>\ndie Dinge (es ist ihre Kindheit,<br \/>\nsie werden dir willig sein).<br \/>\nSei Heide, sei Heide, sei Heide,<br \/>\ndann kommt vielleicht auch der Alte,<br \/>\nden ich kaum von der Nacht unterscheide,<br \/>\nund bringt seine riesige Blindheit<br \/>\nin mein horchendes Haus herein.<\/p>\n<p>Ich seh ihn sitzen und sinnen,<br \/>\nnicht \u00fcber mich hinaus;<br \/>\nf\u00fcr ihn ist alles innen,<br \/>\nHimmel und Heide und Haus.<br \/>\nNur die Lieder sind ihm verloren,<br \/>\ndie er nie mehr beginnt;<br \/>\naus vielen tausend Ohren<br \/>\ntrank sie die Zeit und der Wind;<br \/>\naus den Ohren der Toren.<br \/>\nUnd dennoch: mir geschieht,<br \/>\nals ob ich ein jedes Lied<br \/>\ntief in mir ihm ersparte.<\/p>\n<p>Er schweigt hinterm bebenden Barte,<br \/>\ner m\u00f6chte sich wiedergewinnen<br \/>\naus seinen Melodien.<br \/>\nDa komm ich zu seinen Knien:<\/p>\n<p>und seine Lieder rinnen<br \/>\nrauschend zur\u00fcck in ihn.<br \/>\nAus: Das Stundenbuch (1899)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Stunden-Buch Das Buch vom M\u00f6nchischen Leben Da neigt sich die Stunde und r\u00fchrt mich an mit klarem, metallenem Schlag: mir zittern die Sinne. Ich f\u00fchle: ich kann &#8211; und ich fasse den plastischen Tag. Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut, ein jedes Werden stand still. Meine Blicke sind reif, und wie eine &hellip; <a href=\"https:\/\/www.rilke.ch\/?page_id=924\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Das Stunden-Buch &#8211; Das Buch vom M\u00f6nchischen Leben<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-924","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/924","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=924"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/924\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":928,"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/924\/revisions\/928"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rilke.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}