{"id":991,"date":"2017-06-30T09:11:13","date_gmt":"2017-06-30T08:11:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.rilke.ch\/?p=991"},"modified":"2017-06-30T09:11:13","modified_gmt":"2017-06-30T08:11:13","slug":"rilke-zur-ehe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.rilke.ch\/?p=991","title":{"rendered":"Rilke zur Ehe"},"content":{"rendered":"<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"400\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-992\" src=\"http:\/\/www.rilke.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Rilke-L\u00f6sch-mir-die-Augen-aus.png\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"453\" srcset=\"http:\/\/www.rilke.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Rilke-L\u00f6sch-mir-die-Augen-aus.png 453w, http:\/\/www.rilke.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Rilke-L\u00f6sch-mir-die-Augen-aus-150x150.png 150w, http:\/\/www.rilke.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Rilke-L\u00f6sch-mir-die-Augen-aus-300x300.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>An Emanuel von Bodman<\/b><\/p>\n<p align=\"RIGHT\">Westerwede bei Bremen, am 17. Aug. 1901<\/p>\n<p>Mein lieber Bodman,<\/p>\n<p>ich danke Ihnen f\u00fcr Ihren Brief und die Verse, diese Zeichen lieben und aufrichtigen Vertrauens. Ich wei\u00df es wohl zu sch\u00e4tzen, da\u00df Sie mir aus so ernsten Tagen schreiben konnten, und Sie werden es nicht aufdringlich empfinden, wenn ich daraus das Recht ableite, Ihnen etwas von meiner Meinung \u00fcber derartige K\u00e4mpfe zu vermitteln.<br \/>\nIn einem solchen Fall hei\u00dft es (nach meiner per\u00f6nlichen Meinung), sich auf sich selbst zur\u00fcckziehen und weder zu dem einen noch zu dem anderen Wesen hinzustreben, das Leiden, welches beide verursachen, nicht auf die Ursache des Leidens (die so weit au\u00dferhalb liegt) beziehen, sondern f\u00fcr sich selbst fruchtbar machen. Wenn Sie die Vorg\u00e4nge Ihres Gef\u00fchls in die Einsamkeit \u00fcbertragen und Ihr schwanendes und zitterndes Empfinden nicht in die gef\u00e4hrliche N\u00e4he von Magnetkr\u00e4ften bringen, so wird es mit der eigenen Beweglichkeit von selbst diejenige Lage einnahmen, welche ihm die nat\u00fcrliche und notwendige ist. &#8211; Es tut in jedem Falle gut, sich sehr oft zu erinnern, da\u00df es \u00fcber allem Seienden Gesetze gibt, die niemals zu wirken vers\u00e4umen, die vielmehr herbeist\u00fcrzen, um an jedem Stein und an jeder Feder, die wir Fallen lassen, sich zu bew\u00e4hren und zu versuchen.<\/p>\n<p>Alles Irren besteht also nur im Nichterkennen\u00a0der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, unter welcher wir im gegebenen Fall stehen, und alle L\u00f6sung beginnt mit unserer Aufmerksamkeit und Sammlung, die uns leise in die Kette der Ereignisse einreiht und unserm Willen seine wiegenden Gleichgewichte wiedergibt.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen bin ich der Meinung, da\u00df die &#8222;Ehe&#8220; als solche nicht so viel Betonung verdient als ihr durch die konventionelle Entwicklung ihres Wesens zugewachsen ist. Es f\u00e4llt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, da\u00df er &#8222;gl\u00fccklich&#8220; sein, &#8211; heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es <i>nicht<\/i> ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, gl\u00fccklich zu sein, weder als einzelner noch als Verheirateter.) Die Ehe ist in manchen Punkten eine Vereinfachung der Lebensumst\u00e4nde, und der Zusammenschlu\u00df summiert nat\u00fcrlich die Kr\u00e4fte und Willen zweier junger Menschen, so da\u00df sie geeint weiter in die Zukunft zu reichen scheinen als vorher. &#8211; Allein, das sind Sensationen, von denen sich nicht leben l\u00e4\u00dft. Vor allem ist die Ehe eine neue Aufgabe und ein neuer Ernst, &#8211; eine neue Anforderung und Frage an die Kraft und G\u00fcte eines jeden Beteiligten und eine neue gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr beide.<\/p>\n<p>Es handelt sich in der Ehe f\u00fcr mein Gef\u00fchl nicht darum, durch Niederrei\u00dfung und Umst\u00fcrzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum W\u00e4chter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses gr\u00f6\u00dfte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat. \u00a0Ein <i>Miteinander<\/i> zweier Menschen ist eine Unm\u00f6glichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschr\u00e4nkung, eine gegenseitige \u00dcbereinkunft, welchen einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt.<\/p>\n<p>Aber, das Bewu\u00dftsein vorausgesetzt, da\u00df auch zwischen den n\u00e4chsten Menschen unendliche Fernen bestehen bleiben, kann ihnen ein wundervolles Nebeneinanderwohnen erwachsen, wenn es ihnen gelingt, die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die M\u00f6glichkiet gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem gro\u00dfen Himmel zu sehen!<\/p>\n<p>Deshalb mu\u00df also auch dieses als Ma\u00dfstab gelten bei Verwerfung oder Wahl: ob man an der Einsamkeit eines Menschen Wache halten mag, und ob man geneigt ist, diesen selben Menschen an die Tore der eigenen Tiefe zu stellen, von der er nur erf\u00e4hrt durch das, was, festlich gekleidet, heraustritt aus dem gro\u00dfen Dunkel.<br \/>\nSo ist meine Meinung und mein Gesetz. Und, wenn es m\u00f6glich ist, lassen Sie bald wieder Mutiges und Gutes von sich h\u00f6ren<\/p>\n<p>Ihren getreuen<\/p>\n<p>Rainer Maria Rilke<\/p>\n<p>&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; An Emanuel von Bodman Westerwede bei Bremen, am 17. Aug. 1901 Mein lieber Bodman, ich danke Ihnen f\u00fcr Ihren Brief und die Verse, diese Zeichen lieben und aufrichtigen Vertrauens. 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