Rilke trifft auf Kafka - ein Beitrag zum "Kafka-Jahr"

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Georg Trakl
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Registriert: 30. Jan 2005, 17:30

Rilke trifft auf Kafka - ein Beitrag zum "Kafka-Jahr"

Beitrag von Georg Trakl »

Im Frühsommer des Jahres 1920 treffen zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in der Nähe der böhmischen Kurstadt Karlovy Vary aufeinander: Franz Kafka und Rainer Maria Rilke. Dieses Zusammentreffen sollte laut den kürzlich vom Küster der Zionskirche zu Worpswede in der Sakristei beim Entrümpeln vorgefundenen diesbezüglichen Aufzeichnungen dazu dienen, die emotionalen und literarischen Welten beider Autoren zu erkunden, insbesondere die tiefe Sentimentalität, die Rilkes Werk durchdringt und die Wirkung dieser auf Kafka.
An einem milden Nachmittag sitzen also Kafka und Rilke in einem gemütlichen Café mit Blick auf die sanften Hügel der Umgebung von Karlsbad. Die Luft ist erfüllt von den zarten Klängen eines Streichquartetts, das in der Nähe konzertiert, und der Duft von frischem Kaffee und Gebäck vermischt sich mit dem Blütenduft der umliegenden Gärten.
Kafka, der für seine introspektiven und meist düsteren Werke bekannt ist, ist neugierig auf Rilke, dessen poetische Sensibilität und spirituelle Tiefe einen starken Kontrast zu seinem eigenen schriftstellerischen Oeuvre bilden. Rilke hingegen, Meister der feinen Gefühle und der lyrischen Erhebung, sieht in Kafka einen Bruder im Geiste, der die Abgründe der menschlichen Existenz ebenso intensiv auslotet wie er selbst, jedoch auf sehr unterschiedliche Weise.
Rilkes Werk ist durchzogen von einer tiefen Sentimentalität, die sich in seiner Fähigkeit zeigt, die Schönheit und Tragik des Lebens in eindringlichen Bildern und metaphysischen Reflexionen zu erfassen. In seinen Gedichten, insbesondere in den „Duineser Elegien“ und den „Sonetten an Orpheus“, wird die Sentimentalität zur treibenden Kraft, die das Alltägliche transzendiert und eine Verbindung zum Göttlichen herstellt. Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet die erste der „Duineser Elegien“, in der Rilke schreibt: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein.“ Diese Zeilen spiegeln eine tiefe Sehnsucht und gleichzeitig die Erkenntnis der Unmöglichkeit wider, das Göttliche zu erfassen. Die Sentimentalität Rilkens ist nicht oberflächlich oder gar neudeutsch "kitschig" zu nennen, sondern sie ist durchdrungen von existenziellem Ernst und spiritueller Suche.
Kafka, der in seinen eigenen Werken oft die Absurditäten und Ängste des modernen Lebens thematisiert, ist von der Sentimentalität in Rilkes Dichtung fasziniert und zugleich skeptisch. Im Dialog frug Kafka also: „Wie können wir angesichts der Brutalität und Absurdität der Welt solchen Trost in der Schönheit finden? Ist das nicht eine Flucht vor der Realität?“ Rilke antwortete - laut der "Worpsweed-Chronik" - darauf: „Die Schönheit ist keine Flucht, sondern eine tiefere Wahrheit. In ihr finden wir die Kraft, das Leben in seiner ganzen Fülle und Tragik zu akzeptieren. Die Sentimentalität, von der Sie sprechen, Herr Kafka, ist für mich eine Brücke zum Göttlichen, ein Weg, das Unsagbare auszudrücken und uns mit etwas Größerem zu verbinden.“
Während ihres Gesprächs erkennen Kafka und Rilke durchaus, dass ihre Ansätze zwar unterschiedlich sind, aber dennoch eine gemeinsame Grundlage haben: die tiefe Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein. Kafka sieht in der Welt eine undurchdringliche Bürokratie und eine kalte, mechanische Struktur, die den Einzelnen erdrückt, während Rilke in derselben Welt die Möglichkeit zur Transzendenz und zur mystischen Erfahrung sieht.
Trotz dieser Unterschiede verstehen sie einander auf einer mentalen Ebene. Kafka bewundert Rilkes Fähigkeit, Schönheit in der Tragik zu finden, während Rilke Kafkas Mut bewundert, die Dunkelheit der menschlichen Existenz ohne jede Beschönigung auszuloten.
Das verbriefte Treffen zwischen Franz Kafka und Rainer M. Rilke in Karlsbad ist also in Summe mehr als nur ein literarisches Gedankenspiel. Es ist die Begegnung zweier Geister, die die menschliche Existenz auf unterschiedliche, aber ebenso tiefgründige Weise erforschen. Die Sentimentalität in Rilkes Werk bietet einen Kontrast und zugleich eine Ergänzung zu Kafkas düsteren, surrealen Erkundungen, und gemeinsam bieten sie einen reichen Fundus an Einsichten und Emotionen, der die Komplexität des menschlichen Lebens in all seinen Facetten widerspiegelt.
Zufall oder geschickt zum Kafka-Jahr lanciert: ich finde, es handelt sich um ein wichtiges Zeitdokument, das Einblick in die Gedankenwelt zweier Genies bietet. Der Aufmerksamkeit eines einfachen Lutheraners sei gedankt, dass dieses Skriptum das Licht der geneigten Öffentlichkeit erblickte.

Georg Trakl jun.
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