16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Von den frühen Prager Gedichten über Cornet, Neue Gedichte, Sonette und Elegien bis zum lyrischen Grabspruch

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valennad
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16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von valennad »

hallo

im 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus bei R.M.Rilke heisst es:

Du aber, Göttlicher, du, bis zuletzt noch Ertöner,
da ihn der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel,
hast ihr Geschrei übertönt mit Ordnung, du Schöner,
aus den Zerstörenden stieg dein erbauendes Spiel.

da bräuchte ich eine Erläuterung:

wer ist dieser "ihn" eigentlich? Druckfehler?
helle
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von helle »

Es ist Sonett XXVI u. das Personalpronomen meint Orpheus.
valennad
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von valennad »

danke, klarer wurde es leider nicht
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lilaloufan
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von lilaloufan »

Aber @vallenad, Du hast schon Recht, diese poetische Figur des passageren Pronomenwechsels mitten in der Apostrophe an Orpheus ist ungewöhnlich, und Rilke wählt sie gewiss nicht aus Unkenntnis der Grammatik oder aus Versehen. Es handelt sich ja (ich habe vor sechs Jahrzehnten mal ein Semester lang im Nebenfach ein Rhetorikseminar belegt 🤔) um eine „Heterosis“ (Unterform der Enallage; Du kannst es notfalls in Wikipedia® nachschlagen) – man kann auch einen Fügungsbruch darin sehen (der heißt, wenn Du angeben willst, „Anakoluth“, es ist ja egal). Deine Frage ist vermutlich gar nicht die, wie man das terminologisch fasst, sondern, warum Rilke das hier tut.
Das wiederum ist Interpretationssache; das heißt, da wird es vierundachtzig Antworten geben. Eine davon ist die: In der Anredeform („du“) preisen die Sonette den mythologischen Gott, aber das horrible Geschehen der Zerstückelung durch die Bacchantinnen des Gottes Dionysos rückt Rilke durch den Wechsel zur dritten Person im für einen Moment eher epischen Stil in eine distanzierte und damit objektivierte Betrachtungsart. Im Internet wirst Du andere Ideen finden, vor allem psychologisierende, aber ich meine, solche kannst Du getrost ignorieren. Wertvoll ist, wenn Du Dich mit dem Mythos beschäftigst, Deine ganz eigene. Vielleicht magst Du uns die hier gelegentlich anvertrauen.
l.
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valennad
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von valennad »

danke! sehr "unbequem" ist es trotzdem, vor allem weil dieser Personenwechsel nur einmal hier auftaucht - und dann gleich wieder untertaucht, als ob es ein Versprechen des Erzählers wäre... ein Stolperstein also! ich habe es auch als "du" zugeordnet, wollte aber möglichst sicher gehen, weil ich die Werke ins Russische übertrage, was auch zwangsläufig einen unvermeidlichen Verlust der Genauigkeit mit sich bringt... darum möchte ich zumindest möglichst genau die Texte verstehen
helle
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von helle »

.. ist natürlich kein so richtiger Alltagsjargon, den Rilke spricht, aber ganz aus der Welt gefallen scheint mir seine Redeweise auch nicht (um meinen bescheidenen Rhetoriksenf dazuzugeben, treffen für mich weder »Anakoluth« noch »Enallage« die Art der ›Fügung‹). Man könnte etwa so paraphrasieren:

Du aber, Göttlicher, bis zuletzt noch Ertöner,
den der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel,
hast ihr Geschrei übertönt


oder:

Du aber, Göttlicher, bis zuletzt,
da ihn der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel,
noch Ertönender, hast ihr Geschrei übertönt


Usw., indes sagt Rilke mit der Emphase des wiederholten »du«:

Du aber, Göttlicher, du, bis zuletzt noch Ertöner,
da ihn der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel,
hast ihr Geschrei übertönt


- und daran ist mal nicht zu rütteln. Mir scheint das Motiv für das ungewöhnlich eingesetzte »ihn« die stärkere Betonung des ›Ertöners‹ zu sein, den Orpheus allein und anders als andere ›Göttliche‹ verkörpert.
valennad
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von valennad »

danke! lustig aber sieht es bei Rilke in dem Fall aus - wie betrunken geschrieben - alles verworren ;)
stilz
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Re: 16. Sonett 1. Teils Sonetten an Orpheus erläutern

Beitrag von stilz »

… und hier auch noch mein Senf:

Zur Frage des Personenwechels, also warum Rilke hier nicht „dich“ schreibt.

Orpheus Körper wurde von den Mänaden zerrissen.
Dennoch sang Orpheus weiter - sein „erbauendes Spiel“ erhob sich trotz der Zerstörung seines Körpers (sein Kopf schwamm singend den Fluß hinunter, mitsamt der Lyra …). So blieb er bis zuletzt noch „Ertöner“.

Das lyrische Ich dieses Gedichts spricht Orpheus an, nachdem die Mänaden seinen Körper zerrissen haben.
Das „ihn“ meint also, so verstehe ich es, nur seinen Körper, nicht ihn selbst, der noch so lebendig ist, daß er weiter singen und spielen kann - und natürlich auch weiterhin mit „du“ angesprochen werden.

Zu Deinem Eindruck, Rilke schreibe verworren und „wie betrunken“:
Die Syntax in so manchem (auch diesem) Rilke-Gedicht erinnert mich an die Lateinische Sprache.
Auch da erscheinen Attribute oder auch erklärende Nebensätze oft entfernt vom zugehörigen Nomen.

Ich habe nicht den Eindruck, daß Rilke das aus einem zufälligen Impuls heraus (oder gar betrunken) so formuliert.
Sondern für ihn ist die Feder (wie er einem Arbeiter schrieb, der ihm seine Gedichte geschickt hatte) ein »redliches, genau beherrschtes und verantwortetes Werkzeug«.
Ich bin daher überzeugt, daß er sehr genau wußte, was er tat.

Für mich hat Rilkes Art zu dichten zur Folge, daß ich seine Gedichte nicht einfach wie Alltagssprache auf Informationen hin abklopfen kann, sondern daß ich sie innerlich „nachbauen“ muß, um sie wirklich umfassend begreifen zu können.

Meine Erfahrung bisher:
Je genauer ich ein solches Gedicht in mir „nachbaue“ (was freilich nicht immer gelingt), desto weniger „Verworrenheiten“ bleiben übrig...

Herzlichen Gruß in die Runde,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)
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