- Aus dem verschlossnen Buch mag soviel übergehn
als wir uns Gegenwart von ferne zugestehn.
Wieviel wir beim Lesen tatsächlich aufnehmen, uns gewissermaßen "einverleiben", das hängt davon ab, wie sehr wir uns einer fremden Gegenwart innerlich öffnen.
Herder formuliert das in der
Vorrede zu seinen "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" so:
Johann Gottfried Herder hat geschrieben:
Ein Autor, der sein Buch darstellt, gibt, wenn dies Gedanken enthält, die er, wo nicht erfand (denn wie weniges läßt sich in unsrer Zeit eigentliches Neues erfinden?), so doch wenigstens fand und sich eigen machte, ja, in denen er jahrelang wie im Eigentum seines Geistes und Herzens lebte: ein Autor dieser Art, sage ich, gibt mit seinem Buch, es möge dies schlecht oder gut sein, gewissermaße einen Teil seiner Seele dem Publikum preis. Er offenbaret nicht nur, womit sich sein Geist in gewissen Zeiträumen und Angelegenheiten beschäftigte, was er für Zweifel und Auflösungen im Gange seines Lebens fand, mit denen er sich bekümmerte oder aufhalf, sondern er rechnet auch (denn was in der Welt hätte es sonst für Reiz, Autor zu werden und die Angelegenheiten seiner Brust einer wilden Menge mitzuteilen?), er rechnet auf einige, vielleicht wenige, gleichgestimmte Seelen, denen im Labyrinth ihrer Jahre diese oder ähnliche Ideen wichtig wurden. Mit ihnen bespricht er sich unsichtbar und teilt ihnen seine Empfindungen mit, wie er, wenn sie weiter vorgedrungen sind, ihre besseren Gedanken und Belehrungen erwartet. Dies unsichtbare Commercium der Geister und Herzen ist die einzige und größeste Wohltat der Buchdruckerei, die sonst den schriftstellerischen Nationen ebensoviel Schaden als Nutzen gebracht hätte. Der Verfasser dachte sich in den Kreis derer, die wirklich ein Interesse daran finden, worüber er schrieb, und bei denen er also ihre teilnehmenden, ihre bessern Gedanken hervorlocken wollte. Dies ist der schönste Wert der Schriftstellerei, und ein gutgesinneter Mensch wird sich viel mehr über das freuen, was er erweckte, als was er sagte.
Das Ergebnis dieses "Commerciums der Geister und Herzen" könnte man als "unwirklichen Besitz" und als "wirklichen Verzicht" des Lesers ansehen - denn der Leser macht beim Lesen einerseits "virtuelle" Erfahrungen, nicht in Wirklichkeit, sondern "nur" in seinem Bewußtsein; wie helle sagt: es kommt durch das Lesen zu einer eigentlich staunenswerten Bereicherung des Bewußtseins, und
helle hat geschrieben: 2. Apr 2018, 11:09
Die Erfahrung der Literatur ist geistig und immateriell, ihr Schatz sind keine Goldmünzen und in diesem Sinn kann man Besitz und Wert (der »Gegenwert« - sehr selten übrigens, ein solches Wortspiel bei Rilke) vielleicht »unwirklich« nennen (was nicht heißt, daß sie nicht existieren).
Andererseits aber
verzichtet der Leser während der Zeit, die er mit Lesen zubringt, gewissermaßen auf sein eigenes "wirkliches" Leben ("real life" nennt man es heute wohl).
Auch das viel frühere Gedicht
Der Leser spricht auch von diesem "Verzicht" (
Und wir, die Stunden hatten, / was wissen wir, wieviel ihm hinschwand):
Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?
Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis
er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.
Ein wenig rätsle ich noch über der ersten Zeile:
- Wenn Lesen sich auch da als nicht bequem erweist
Wie schade, daß die Rilke-Chronik keine Auskunft darüber gibt, für welches Buch (und welchen Leser, bzw wohl: welche Leserin) Rilke diese Widmung gedacht hatte...
Herzliche Oster-Grüße,
stilz
"Wenn wir Gott mehr lieben, als wir den Satan fürchten, ist Gott stärker in unseren Herzen. Fürchten wir aber den Satan mehr, als wir Gott lieben, dann ist der Satan stärker." (Erika Mitterer)