Ein Rilke-Projekt zum Vergnügen
Kennen Sie den? Zwei Penner, Stadtstreicher, Alkis oder Clochards treffen sich auf einer Bank im Park. Der Winter steht vor der Tür. Der eine, in schwacher Erinnerung an einst genossene Bildung, zitiert: „Wer jetzt kein Haus hat... .“ Darauf der andere, indem er ihm die Schnapsflasche hinüberreicht: „Ach, weisst Du, wohnen ist auch nicht alles... .“

Oder kennen Sie den? Hugo von Hofmannsthal in Basel, im Haus der Familie Burckhardt-Von der Mühll. Hofmannsthal stereotypes Urteil von einer Sache, einem Bild, von Verhältnissen: sie seien „mehr als schön“, sie seien „anständig“. Ein Anwesender hat den boshaften Einfall, dieses Urteil auf seine Umkehrung hin zu prüfen. Was kommt heraus? Etwas ist weniger als anständig, es ist schön….

Oder den? Ein Autor schreibt seinem Verleger: „Die etwas angestrengte Zerstreutheit dieses Briefs wird erklärlich, wenn Sie wissen, daß hinter mir im Salon drei uralte Damen, sehr laut, die Genealogie von Genfer Familien behandelten, ein Thema, das nicht ohne Interesse für mich war, so dass ich mich, Ohren und Hand weit voneinander, im Raume aufgetheilt fand wie in einem kubistischen Bild von vor zehn Jahren!“


Rilke mit Humor


Rilke hätte am Alki-Witz vielleicht Freude gehabt; die Scherze über Hofmannsthal und die Ragazer Damen hat er selbst verschuldet (an Marie von Thurn und Taxis, 4.6.1920; an Kippenberg, 19.7.1924). Spätestens seit Eudo C. Masons Aufsatz Rilkes Humor (in: Deutsche Weltlliteratur von Goethe bis Ingeborg Bachmann. Festgabe für J. Alan Pfeffer. Tübingen 1972, S. 216-244) kennen wir den vergnügten, vergnüglichen, ironischen, sogar sarkastischen Rilke.

Anderseits kennen wir die Reihe „Zum Vergnügen“ des Reclam Verlags. Dort sind, im bekannten handlichen Format, bunt eingekleidet, zum Lachen und Lächeln anregende Texte erschienen von Autoren, denen man Humor und ähnliche Gaben durchaus zumutet: Busch, Kraus, Tucholsky, Twain, Ringelnatz, Heine, Wilde, Freud – aber auch von Goethe und Schiller, Mörike, Jean Paul, Fontane, von Kant, Schopenhauer, Nietzsche und von Mozart, den man in seinen Bäsle-Briefen natürlich getrost zur ersten Gruppe stellt.

Warum sollten wir nicht versuchen, nach diesen Mustern einen „Rilke zum Vergnügen“ zusammenzustellen? Zu unserem eigenen zunächst – man wird sehen, was, über eine Internet-Präsentation hinaus, damit anzufangen ist. Wir laden Sie also ein, zu einer solchen Sammlung vergnüglicher Rilke-Texte beizutragen, sei es, dass Sie an die unten angegebene Adresse Kopien einschlägiger Stellen schicken, sei es, dass Sie es mit Verweisen (auf die Sämtlichen Werke, die Kommentierte Ausgabe oder auf Einzelausgaben) genug sein lassen.

Es geht dabei nicht einfach um Scherz und Schabernack, sondern um den Gedanken der „Vollständigkeit“, an der Rilke viel gelegen war. Im übrigen wird Sie die Suche, zu der wir Sie hier ermutigen, hoffentlich veranlassen, Rilkes Werk und Briefe, auswählend oder systematisch vordringend, Band für Band in die Hand zu nehmen, und Sie werden sich auf wundersame Weise zwischen Scherz und Ernst, Rilkes Ernst und Schmerz ins Gleichgewicht geworfen finden.

Ihre Sendungen bzw. Hinweise nimmt gern entgegen Rätus Luck
- auf dem Weg der terrestrischen Post: Lilienweg 18, CH-3007 Bern
- via E-Mail: ru.luck@gmx.ch

Rilke mit Humor

Postscriptum:
Wie auf unseren Internet-Seiten seit langem zu lesen ist, sammeln wir auch Rilke-Parodien, -Kontrafakturen, -Imitate. Unser Aufruf blieb nicht ungehört; wir glauben aber, dass noch manches schöne Beispiel zu entdecken ist. Zögern Sie nicht, uns Fundstücke mitzuteilen; Dubletten werden als solche sicher erkannt, mindern aber unsere Dankbarkeit nicht.

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